#97: Wie lerne ich verkaufen, wenn ich kein Verkaufstalent bin?

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Der Podcast

Verkaufen lernen ohne Verkaufstalent: Der ehrliche Leitfaden für Solopreneure

“Ich bin halt kein Verkäufer” – dieser Satz fällt erstaunlich oft, wenn angehende Gründer über ihre Selbstständigkeit sprechen. Neulich auf einer Veranstaltung, ein Bekannter, der den elterlichen Betrieb übernimmt: “Ja, aber ich bin nicht der Verkäufer.” Als wäre das eine unveränderliche Charaktereigenschaft, so wie die Augenfarbe oder die Körpergröße.

Die gute Nachricht: Verkaufen ist kein angeborenes Talent. Es ist eine Fähigkeit, die man lernen kann. Die noch bessere Nachricht: Verkaufen muss nicht so aussehen, wie du es dir vorstellst.

Das Verkäufer-Trauma: Woher kommt die Abneigung?

Wenn wir an “Verkäufer” denken, haben die meisten von uns ein sehr spezifisches Bild im Kopf: Der Autoverkäufer, der dir das teurere Modell aufschwatzen will. Der Versicherungsvertreter, der nicht aufhört zu reden. Der legendäre Staubsaugervertreter (gibt es den überhaupt noch?), der ungebeten an der Tür klingelt.

Kein Wunder, dass niemand so sein möchte. Selbst wenn du eine introvertierte Person bist, die lieber kreativ arbeitet oder im stillen Kämmerlein vor sich hin entwickelt – die Vorstellung, anderen Menschen aktiv etwas “andrehen” zu müssen, ist unangenehm.

Aber hier liegt bereits das erste Missverständnis: Gutes Verkaufen bedeutet nicht, jemandem etwas aufzuschwatzen. Es bedeutet, Menschen dabei zu helfen, das Richtige für sich zu finden.

Die drei Schritte des Verkaufens

Bevor wir tiefer einsteigen, lass uns das große Bild anschauen. Verkaufen besteht aus drei grundlegenden Schritten:

Erstens: Menschen auf dich aufmerksam machen. Das ist Marketing – wie bringst du die Leute überhaupt in dein “Geschäft”? (Dazu braucht es eigene Folgen und Überlegungen.)

Zweitens: Ein konkretes Angebot haben. Klingt banal, ist es aber nicht. Was genau können Kunden bei dir kaufen? Was steht auf der Rechnung? Gerade im Dienstleistungs- und Kreativbereich ist das oft überraschend unklar.

Drittens: Kunden bei der Auswahl helfen. Der Kunde kommt mit einem Interesse zu dir – nicht zufällig, sondern weil er sich für dein Angebot interessiert. Jetzt geht es darum, ihm zu helfen, das Passende für seine spezifische Situation zu finden.

Dieser dritte Schritt ist das, was die meisten als “Verkaufen” empfinden – und genau hier entstehen die größten Unsicherheiten.

Der Knackpunkt: Du brauchst zuerst ein Angebot

Das klingt völlig selbstverständlich, und doch sehen wir es in der Gründungsberatung erstaunlich häufig: Es ist nicht vollständig klar, was Kunden bei jemandem konkret kaufen können.

Stell dir ein Geschäftslokal vor. Du gehst hinein, und dort liegen Produkte aus. Als Kunde kannst du dir etwas aussuchen, vielleicht berät dich der Verkäufer dabei. Aber stell dir jetzt vor, du kommst in ein Schuhgeschäft – und es gibt keine Schuhe.

Die Challenge bei Solo-Selbstständigen ist, dass überhaupt erst jemand das “Geschäft betritt”. Dafür braucht es ein klares Angebot, das Menschen wahrnehmen können. Etwas, das ins Auge springt und signalisiert: “Aha, das könnte ich dort bekommen, das würde mich interessieren.”

Bei Produktherstellern ist das meist offensichtlicher. Aber gerade im Dienstleistungs- und Kreativbereich fehlt oft diese Klarheit: Was kann der Kunde bei dir kaufen? Was ist es konkret?

Verkaufen ist nicht gleich Verkaufen

Hier kommt eine wichtige Differenzierung: Verschiedene Produkte und Dienstleistungen brauchen völlig unterschiedliche Formen des Verkaufens.

Niedrigpreisige Produkte (ein Kaugummi, ein Buch um 20 Euro, ein Bild): Diese brauchen meist kein ausführliches Beratungsgespräch. Kunden können sich selbst informieren und kaufen. Der Mediamarkt ist voll mit Kunden, die dreimal informierter sind als die Mitarbeiter – sie haben recherchiert, verglichen, wissen was sie wollen.

Hochpreisige Dienstleistungen (ein Logo-Design, ein mehrmonatiges Projekt, ein Coaching-Paket über mehrere tausend Euro): Hier braucht es direkte Kommunikation. Ein Vertrauensaufbau. Ein Erstgespräch, in dem herausgefunden wird, was der Kunde wirklich braucht und ob die Chemie stimmt.

Die gute Nachricht: Du kannst dein Business-Modell so gestalten, dass es zu deiner Persönlichkeit passt.

Strategie 1: Angebote, die sich selbst verkaufen

Wenn dir persönliche Verkaufsgespräche wirklich widerstreben, dann konzentriere dich auf Angebote, die Kunden leicht selbst kaufen können:

  • Digitale Produkte mit klarem Nutzen
  • Kleinere Dienstleistungspakete mit transparenten Preisen
  • Produkte, die visuell für sich sprechen
  • Online-Kurse oder Workshops mit klarer Beschreibung

Bei solchen Angeboten liegt der Fokus mehr auf Marketing und Sichtbarkeit als auf persönlichen Verkaufsgesprächen. Wenn das Angebot klar auf dem Tisch liegt, können intelligente Kunden selbst einschätzen, ob es für sie nützlich ist.

Es gibt tatsächlich Menschen, die auf ihr Angebot angesprochen wurden: “Das, was du machst, finde ich cool – aber wo kann man das kaufen?” Manchmal ist nur die Hürde da: Was muss jemand dir geben, damit er sich das mitnehmen kann?

Strategie 2: Verkaufen als Beratung neu denken

Wenn du hochpreisige Dienstleistungen anbietest, führt kein Weg an persönlichen Gesprächen vorbei. Aber hier liegt der Schlüssel in einer anderen Perspektive: Du verkaufst nicht – du hilfst.

Der Kunde kommt zu dir mit einem Problem, einer Herausforderung, einem Bedürfnis. Deine Aufgabe ist es nicht, ihm etwas anzudrehen, sondern gemeinsam herauszufinden, ob und wie du ihm helfen kannst.

Konkret bedeutet das:

Fragen stellen statt Monologe halten. Was ist die Situation? Was ist das eigentliche Problem? Was wurde schon versucht?

Ehrlich sein, auch wenn es unbequem ist. Manchmal passt dein Angebot nicht zum Kunden. Das zuzugeben schafft mehr Vertrauen als ein erzwungener Verkauf.

Den Kunden als Partner sehen. Ihr arbeitet gemeinsam daran, die beste Lösung zu finden. Du bist nicht der Gegenspieler, der ihm etwas verkaufen muss.

Verkaufen kann man lernen – aber wie?

Es gibt nicht den einen Kurs, den wir allen empfehlen können, weil jeder Mensch anders ist. Aber es gibt Wege, wie du besser wirst:

Bücher und Kurse zum Thema Verkaufen. Die Beschäftigung mit dem Thema ist bereits der erste Schritt. Es gibt ausgezeichnete Literatur, die Verkaufen nicht als Manipulation, sondern als menschenzentrierten Prozess versteht.

Praktisches Training im kleinen Rahmen. Klingt vielleicht merkwürdig, aber Plattformen wie Willhaben sind interessante Übungsfelder. Du hast Dinge zu Hause, die du nicht mehr brauchst? Verkaufe sie. Führe diese Gespräche. Sie sind manchmal komisch, manchmal unangenehm – aber du trainierst Kommunikation, Verhandlung, den Umgang mit verschiedenen Charakteren.

Learning by doing im echten Business. Am Anfang werden deine Verkaufsgespräche suboptimal sein. Das ist normal. Mit jedem Gespräch lernst du dazu. Du findest heraus, welche Fragen hilfreich sind, wo Missverständnisse entstehen, wie du Vertrauen aufbaust.

Die Realität ist: Es gibt keinen Weg vorbei daran, anfangs nicht perfekt zu sein. Lass dich davon nicht entmutigen. Jeder erfolgreiche Selbstständige hat am Anfang holprige Verkaufsgespräche geführt.

Die harte Wahrheit: Verkaufen ist unverzichtbar

Wenn du trotz allem sagst: “Nein, verkaufen – auf gar keinen Fall, das geht einfach nicht”, dann müssen wir ehrlich sein: Vielleicht ist Selbstständigkeit nicht das richtige Spielfeld für dich.

Du musst einen Weg finden zu verkaufen, um selbstständig zu sein. Ohne Verkäufe kein Umsatz. Ohne Umsatz kein Gewinn. Ohne Gewinn kein Business. Das ist der Knackpunkt vieler Gründungen.

Wenn dir das total gegen den Strich geht und du auch keine deiner individuellen Lösungen dafür findest, wird Selbstständigkeit wahnsinnig mühsam – oder schlicht nicht funktionieren.

Verkaufen bleibt Chefsache

Ein letzter, wichtiger Punkt: Gib das Verkaufen nicht aus der Hand – zumindest nicht am Start deines Business.

Manche denken vielleicht: “Könnte ich nicht jemanden einstellen, der für mich verkauft?” Die Antwort ist: theoretisch ja, praktisch keine gute Idee am Anfang. Verkaufen ist Chefsache, davon sind wir zu 100% überzeugt.

Warum? Weil das Verkaufen dein Business ist. Es ist der direkte Kontakt zu deinen Kunden. Wenn diese Person wegbricht, nimmt sie oft die ganzen Kunden mit – und dir wird die Basis unter den Füßen weggezogen.

Du musst kein Verkaufstalent sein. Aber du wirst deine Lösung finden müssen.

Die Perspektive wechseln

Vielleicht hilft es, das Thema Verkaufen ein bisschen aufzuweichen und anders zu betrachten. Verkaufen ist nicht dieser eine, fixe Moment wie beim Skispringen, wo du im perfekten Augenblick abspringen musst.

Verkaufen ist ein Prozess. Eine Beziehung. Ein Dialog.

Wenn dein Produkt gut ist, kann es sogar sein, dass es sich (fast) von alleine verkauft. Nur würden wir unseren Plan nicht darauf setzen. Es ist ein Gedankenspiel – aber eines, das zeigt: Gutes Verkaufen fühlt sich nicht nach “Verkaufen” an, sondern nach natürlicher Kommunikation zwischen Menschen, die sich gegenseitig helfen.

Ein Wort zum Schluss

Die Frage ist nicht, ob du ein geborener Verkäufer bist. Die Frage ist, ob du bereit bist, Verkaufen als lernbare Fähigkeit zu begreifen – und deinen eigenen, authentischen Weg zu finden, wie du deine Angebote zu den Menschen bringst, die sie brauchen.

Es gibt viele Wege zu verkaufen. Introvertierte Wege. Kreative Wege. Beratende Wege. Dein Weg wird anders aussehen als der von anderen – und das ist gut so.

Übrigens: In einem kostenlosen Gründungs-Checkup können wir gemeinsam schauen, welche Form des Verkaufens zu dir, deiner Persönlichkeit und deinem Geschäftsmodell passt. Wir haben mit unseren Gründerinnen und Gründern sogar Rollenspiele gemacht, um Verkaufsgespräche zu üben. Manchmal braucht es einfach einen geschützten Raum, um diese Fähigkeit zu entwickeln. Lass uns darüber sprechen!

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Günter Schmatzberger
By Günter Schmatzberger

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