#78: Ist Gründen mit 40 das neue 30?

Der Podcast

Ist Gründen mit 40 das neue 30? Der Trend der Midlife-Founder

Während Startups und junge Gründer medial viel Aufmerksamkeit bekommen, entwickelt sich still und leise ein anderer Trend: Immer mehr Menschen um die 40 machen sich selbstständig. Diese “Midlife-Founder” bringen andere Voraussetzungen mit als die typischen 20-jährigen Gründer – sowohl Herausforderungen als auch einzigartige Vorteile.

Das Phänomen der Midlife-Founder

Wer sind diese Menschen, die mitten in der Karriere noch einmal neu anfangen? Es sind oft erfolgreiche Angestellte zwischen 35 und 45 Jahren, die eine beachtliche Laufbahn hinter sich haben. Sie stehen an einem Punkt, wo sie sich fragen: “Wie geht es jetzt weiter? Was will ich noch vom Leben? Welche neuen Herausforderungen suche ich?”

Diese Gruppe zeichnet sich durch besondere Charakteristika aus:

  • Sie haben bereits Karriere gemacht und waren erfolgreich im Job
  • Die Selbstständigkeit schwirrt oft schon jahrelang im Kopf herum
  • Sie suchen neue Herausforderungen und mehr Sinnhaftigkeit
  • Oft kommen sie zu der Erkenntnis: “Das könnte ich selbst (besser) machen”

Die besonderen Herausforderungen

1. Die Lebenssituation

Mit 40 steckt man oft mitten in einer komplexen Lebensphase:

  • Kinder im schulpflichtigen Alter
  • Hausbau oder Immobilienfinanzierung
  • Etablierte Lebensstile und höhere Lebenshaltungskosten
  • Weniger Risikobereitschaft durch Verpflichtungen

Diese Faktoren machen es schwieriger, das Risiko einer Gründung einzugehen, besonders wenn gleichzeitig andere große finanzielle Belastungen anstehen.

2. Das “Angestellten-Mindset”

Nach 20 Jahren erfolgreicher Angestelltentätigkeit hat man bestimmte Spielregeln verinnerlicht:

  • Wie funktioniert Hierarchie?
  • Wie agiert man erfolgreich im Unternehmen?
  • Welche Verhaltensweisen führen zu Beförderungen?

Das Problem: In der Selbstständigkeit gelten völlig andere Regeln. Was einen 20 Jahre lang erfolgreich gemacht hat, kann in der Selbstständigkeit sogar hinderlich sein:

  • Kundenkommunikation funktioniert anders als interne Kommunikation
  • Selbstmanagement statt Fremdführung
  • Eigenverantwortung für alle Entscheidungen
  • Direkter Umgang mit Risiko und Unsicherheit

3. Der Neuanfang als “Lehrling”

Trotz jahrzehntelanger Berufserfahrung muss man in vielen Bereichen wieder von vorn anfangen. Dieses “Umlernen” oder teilweise sogar “Verlernen” braucht Zeit und kann frustrierend sein, wenn die Dinge nicht so schnell vorangehen wie erhofft.

Die einzigartigen Vorteile

1. Ein reichhaltiger Fundus an Erfahrungen

20 Jahre Berufserfahrung sind ein enormer Schatz:

  • Branchenkenntnisse: Tiefes Verständnis für Marktmechanismen und Kundenbedürfnisse
  • Netzwerk: Connections zu Kunden, Kollegen, Lieferanten und Experten
  • Praktische Erfahrung: Wissen darüber, was funktioniert und was nicht

Besonders bei Gründungen innerhalb der bisherigen Branche ist dieser Vorsprung kaum zu überschätzen.

2. Substanz statt Spontaneität

Midlife-Founder gründen nicht auf Basis einer spontanen Idee vom Wochenende. Ihre Geschäftsideen haben oft jahrelang gereift und wurden durchdacht:

  • Langjährige Beobachtung von Marktlücken
  • Realistische Einschätzung der eigenen Fähigkeiten
  • Durchdachte Herangehensweise statt “Trial and Error”

Diese Substanz gibt Gründungen eine solidere Basis als spontane Eingebungen.

3. Ruhe und Gelassenheit

Mit 40 muss man nicht mehr die Welt revolutionieren. Diese Gelassenheit bringt Vorteile:

  • Weniger Neigung zu überstürzten Entscheidungen
  • Realistischere Erwartungen an den Gründungsprozess
  • Fokus auf nachhaltige Lösungen statt schnelle Exits

4. Finanzielle Stabilität

Oft haben Midlife-Founder etwas angespart und stehen finanziell stabiler da:

  • Weniger unmittelbarer Umsatzdruck
  • Möglichkeit, die Gründung langfristiger zu planen
  • Puffer für die Anlaufphase

5. Das perfekte Timing

Aus zeitlicher Sicht ist das Alter um die 40 oft ideal:

  • Bei einem Scheitern bleiben noch 10-15 Jahre für einen Neustart im Angestelltenverhältnis
  • Die Kinder werden selbstständiger und brauchen weniger intensive Betreuung
  • Gesundheitlich und energetisch noch voll leistungsfähig

Warum gerade jetzt?

Die Frage “Wann, wenn nicht jetzt?” wird mit 40 besonders relevant. Drei bis fünf Jahre für einen Gründungsversuch sind im Verhältnis zur Gesamtlaufbahn überschaubar – etwa so lang wie eine Ausbildung oder ein berufsbegleitendes Studium.

Gleichzeitig wächst oft der innere Drang nach mehr Selbstbestimmung:

  • “Für wen arbeite ich hier eigentlich?”
  • “Was tue ich hier wirklich?”
  • “Könnte ich das nicht besser?”

Diese Sinnfragen werden mit zunehmendem Alter drängender und finden in der Selbstständigkeit oft eine Antwort.

Der unterschätzte Trend

Midlife-Founder sind weniger sichtbar als die medial gehypten jungen Startup-Gründer, aber sie sind zahlreich und oft sehr erfolgreich. Sie gründen typischerweise:

  • Beratungsunternehmen in ihrer Branche
  • Spezialisierte Dienstleistungen
  • Handwerksbetriebe mit innovativen Ansätzen
  • Soziale oder nachhaltige Projekte

Diese Gründungen sind oft weniger spektakulär, aber nachhaltiger und profitabler als manches Startup.

Besondere Zielgruppen bei Midlife-Foundern

Besonders häufig gründen:

  • Frauen nach der Familienphase: Wenn die Kinder älter werden, entstehen neue Möglichkeiten, frühere Interessen oder Ausbildungen zu reaktivieren
  • Fachexperten: Menschen, die in ihrer Branche zu Experten geworden sind und diese Expertise selbstständig vermarkten wollen
  • Führungskräfte: Ehemalige Manager, die ihre Führungserfahrung in eigene Beratungsunternehmen einbringen

Selbstständigkeit als Lebenserfahrung

Ein wichtiger Aspekt: Sich selbstständig zu machen ist eines der intensivsten Selbsterfahrungsprogramme überhaupt. Man lernt sich selbst in einer Art kennen, die kein Coaching oder Klettergarten erreichen kann. Diese Erfahrung ist wertvoll – unabhängig vom wirtschaftlichen Erfolg.

Praktische Überlegungen für Midlife-Founder

Wenn du zu dieser Gruppe gehörst oder darüber nachdenkst, beachte folgende Punkte:

  1. Finanzplanung: Plane konservativer als ein 25-Jähriger – du hast mehr Verpflichtungen
  2. Timing: Vermeide parallele große Lebensereignisse (Hausbau, Familiengründung)
  3. Netzwerk nutzen: Deine 20 Jahre Berufserfahrung sind Gold wert – nutze sie
  4. Umlernen einplanen: Rechne damit, dass vieles anders läuft als im Angestelltenverhältnis
  5. Familie einbeziehen: Sorge für Unterstützung im privaten Umfeld

Ein Wort zum Schluss

Der Trend der Midlife-Founder zeigt: Es ist nie zu spät für einen Neuanfang. Die Kombination aus Erfahrung, Gelassenheit und dem Mut, noch einmal etwas Neues zu wagen, kann zu besonders nachhaltigen und erfüllenden Gründungen führen.

Gründen mit 40 ist vielleicht tatsächlich das neue 30 – nur mit mehr Substanz, besserer Vorbereitung und einem solideren Fundament. Wenn du schon länger mit dem Gedanken spielst: Vielleicht ist jetzt genau der richtige Zeitpunkt dafür.

Übrigens: In einem kostenlosen Gründungs-Checkup besprechen wir gerne mit dir, wie sich deine jahrelange Berufserfahrung optimal in eine Gründung einbringen lässt und welche spezifischen Herausforderungen und Chancen sich in deiner Lebenssituation ergeben!

Die Links

Podcast Folge #21: Bin ich zu jung zum Gründen?

Podcast Folge #76: Wie halte ich die Angst vor dem Scheitern in Schach?

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