Der Podcast
Baby und Business
“Ich kann mir das schon einteilen – wenn das Baby schläft, arbeite ich halt.” Kennst du diese Gedanken? Falls ja, lass mich dir etwas sehr Wichtiges sagen: Diese Vorstellung ist eine der gefährlichsten Illusionen, die du als angehende Eltern und Gründer haben kannst. Die Realität sieht radikal anders aus.
Die unbequeme Wahrheit vorweg
Wenn du gerade dabei bist zu gründen und gleichzeitig ein Kind erwartest – ob als werdende Mutter oder werdender Vater – lautet der ehrlichste Rat: Tu es nicht. Zumindest nicht gleichzeitig. Das Baby ist das Wichtigste. Die Gründung kann warten. Es wird nicht funktionieren, beides parallel zu stemmen.
Diese Klarheit mag hart klingen, aber sie ist eine der wichtigsten Erkenntnisse aus unzähligen Beratungsgesprächen mit Gründern, die genau in dieser Situation steckten. Eine Gründerin meldete sich beispielsweise nach einigen Beratungseinheiten mit der Nachricht, dass sie schwanger sei. Der Rat war eindeutig: nicht gründen. Monate später rief sie an – nicht etwa verärgert, sondern dankbar. Sie hatte erst nach der Geburt wirklich verstanden, wie unmöglich die Kombination gewesen wäre.
Die doppelte Überforderung verstehen
Eine Unternehmensgründung ist eine Überforderung – im besten Sinne des Wortes. Du machst etwas, das du noch nie zuvor getan hast. Du kannst dich nicht auf bewährte Routinen verlassen. Es gibt kein “Business as usual” in der Gründungsphase, weil alles neu ist.
Ein Baby ist ebenfalls eine absolute Überforderung. Gerade beim ersten Kind kannst du dir schlicht nicht vorstellen, was auf dich zukommt. Egal wie viele Ratgeberbücher du gelesen hast, egal mit wie vielen erfahrenen Eltern du gesprochen hast – wenn du es nicht selbst erlebt hast, weißt du es nicht. Man ist tendenziell sehr naiv im Zugang und überschätzt massiv die Möglichkeiten, die man neben dem Baby haben wird.
Zweimal Überforderung ergibt nicht doppelte Überforderung. Es ergibt eine Überüberforderung. Die Belastungen multiplizieren sich nicht – sie potenzieren sich.
Der Versorger-Druck: Wenn Ängste explodieren
Es gibt einen zweiten, oft unterschätzten Aspekt: In dem Moment, wo du Vater oder Mutter wirst, verändert sich deine innere Dynamik radikal. Der Gedanke “Ich bin jetzt der Versorger der Familie, ich muss ein Einkommen bringen” wird nicht nur stärker – er wird zum dominierenden Thema.
Wenn du genau in dieser Phase in eine Selbstständigkeit startest, wo das Einkommen fraglich ist, werden sich diese Ängste nicht nur verdoppeln. Sie werden sich vervielfachen. Die Kombination aus unsicherem Einkommen und der Verantwortung für ein Baby kann zu einem Druck führen, der deine mentale Gesundheit ernsthaft gefährdet.
Vielleicht ist es dann doch klüger, noch ein bisschen in der Anstellung zu bleiben. Oder zumindest den Status quo zu bewahren, in dem du dich gerade befindest – sei es eine Anstellung, ein Dienstverhältnis oder auch eine Phase zwischen zwei Jobs.
Die Informationswüste: Ein österreichisches Rätsel
Wenn die Frage nicht mehr lautet “Soll ich gründen?” sondern “Ich bin bereits selbstständig und bekomme ein Kind – was jetzt?”, beginnt eine erstaunliche Odyssee. Es ist extrem schwierig, an verlässliche Informationen zu kommen. Das bestätigen nahezu alle selbstständigen Eltern.
Wie verhält es sich mit dem Papamonat? Was muss ich beim Mutterschutz beachten? Welches Kinderbetreuungsgeld-Modell passt zu meiner Selbstständigkeit? Diese Fragen sind überraschend schwer zu beantworten.
Eine private Hypothese dazu: Es ist im System schlicht nicht vorgesehen, dass du als Selbstständiger Mama oder Papa bist. Das mag hart klingen, aber es erklärt vieles.
Das Ein-Personen-Problem
Traditionellerweise ist ein Unternehmen ein Betrieb mit mehreren Mitarbeitern. Wenn der Chef Papa wird, ist das kein existenzielles Problem – die 25 oder 250 Mitarbeiter schmeißen den Laden schon weiter. Der Chef ist halt ein paar Wochen oder ein Jahr nicht da, das muss er sich einteilen, aber es geht.
Das Problem: Bei Ein-Personen-Unternehmen – und das sind die meisten Gründungen – gibt es niemanden, der dich vertreten könnte. Aber die soziale Absicherung ist immer noch so konzipiert, als gäbe es diese Vertretung. Die implizite Annahme: “Als Selbstständiger kannst du dir deine Zeit ja eh einteilen. Wir müssen dich nicht freistellen, weil du hast ja keinen Chef, der dich anstellen müsste.”
Diese Logik funktioniert bei Solopreneuren nicht. Überhaupt nicht.
Das Behörden-Puzzle
Die Herausforderung wird zusätzlich durch die Fragmentierung der Zuständigkeiten verschärft. Jede Stelle kennt nur ihren eigenen Bereich:
- Die SVS weiß, was bei der Sozialversicherung zu tun ist – aber nicht, was das für das Finanzamt bedeutet
- Das Finanzamt kann dir keine Auskünfte über Gewerbescheine geben
- Die Wirtschaftskammer hat wieder andere Informationen
- Das Arbeitsmarktservice (AMS) spielt bei Kinderbetreuungsgeld auch eine Rolle
Du bist das Verbindungsglied zwischen diesen Stellen. Du musst dir die Informationen mühsam zusammensuchen und dann selbst herausfinden: Was davon macht in welcher Kombination Sinn? Diese Unwissenheit erzeugt bei vielen selbstständigen Eltern extremen Druck.
Die Realität der ersten Monate: Plan, vergiss deine Pläne
Die ehrliche Reflexion eines selbstständigen Vaters: Der Fokus wird so massiv weggezogen, dass man es sich vorher nicht vorstellen kann. In den kleinen Zeitfensterchen, wenn das Baby schläft, kannst du nicht die Welt bewegen. Du kannst nicht mal besonders viel bewegen.
Eine gute Faustregel: Rechne damit, dass du zu nichts kommst.
Das klingt dramatisch – und es ist wichtig, diesen Fall mitzuplanen. Natürlich hoffen wir alle, dass das Kind gesund ist. Aber es kann genauso sein, dass ihr in Krankheitszyklen verwickelt werdet: Kind krank, Mutter krank, Vater krank, wieder Kind krank. Das geht über Wochen und nimmt jede Flexibilität.
Der Papamonat-Mythos
Eine spezielle Warnung an alle werdenden Papas: Wenn du dir einen Papamonat nimmst und denkst “Großartig, dann betreue ich das Kind am Vormittag und wenn es schläft, arbeite ich ordentlich an meinem Buchprojekt” – vergiss es.
Papamonat bedeutet Full-Time-Kind. Alle Pläne, die du hattest – “Das geht eh locker, das Kind schläft eh viel” – funktionieren nicht. Diese Naivität durchlebt fast jeder frischgebackene Vater. Zweimal durchlebt. Aber es ist eine wichtige Lektion: Kinder brauchen sehr viel Aufmerksamkeit. Du wirst keine längeren Zeitspannen haben, in denen du dich wirklich in komplexe Arbeit vertiefen kannst.
Übrigens: Wenn du tatsächlich das offizielle Papamonat in Anspruch nehmen willst, musst du alle deine Gewerbescheine ruhend melden. Du darfst während dieser Zeit keinerlei selbstständigen Tätigkeiten nachgehen und nichts verdienen. Das ist die Voraussetzung dafür, dass die SVS dir etwas auszahlt. Klingt absurd? Ist es auch ein bisschen. Aber so ist die Regelung.
Geschäftsmodelle und ihre Baby-Kompatibilität
Die Auswirkungen variieren je nach Geschäftsmodell:
Relativ gut handhabbar: Ein Physiotherapeut kann vielleicht seine Termine reduzieren, sodass er auf seine Fixkosten kommt. Wenn die Nachfrage da ist und er terminlich schieben kann, funktioniert das.
Schwieriger: Wenn du in Beratungskontexten oder Projekten arbeitest, wird es zäher. Projekte müssen vorangetrieben und beendet werden. Du musst für Kunden zur Verfügung stehen. Hier brauchst du entweder Vertretungen oder musst anders planen.
Das Worst-Case-Szenario mitdenken: Egal welches Geschäftsmodell: Überlege dir Szenarien, bei denen du mehrere Wochen ausfällst. Wie geht dein Business damit um? Das ist keine Schwarzmalerei, sondern realistische Planung.
Die Safety-Car-Phase deines Business
Ein schöner Vergleich aus der Formel 1: Selbst wenn dein Business vorher in Tempo-300-Geschwindigkeit unterwegs war, wird es eine Safety-Car-Phase geben. Eine Zeit, in der das Business auf der Bremse steht, eine gewisse Pause macht. Das kann ein Jahr sein, vielleicht zwei oder drei Jahre.
In dieser Zeit wächst das Geschäft nicht so schnell. Andere Dinge sind wichtiger. Das ist völlig in Ordnung – aber du solltest diese Phase bewusst einplanen, statt von der Realität überrollt zu werden.
Das Luxus-Szenario: Delegation
Es gibt natürlich auch andere Wege. In einer Arte-Dokumentation war eine Geschäftsführerin zu sehen, die eine Marketingagentur mit mehreren Mitarbeiterinnen aufgebaut hatte. Für ihre Geburt stellte sie einen Geschäftsführer an – explizit dafür, dass er sie freispielt. Zwei oder drei Jahre konnte sie sich so auf die neue Familie konzentrieren, wusste aber das Business in guten Händen und die Kundenbetreuung riss nicht ab.
Ein schönes Szenario. Im Ein-Personen-Unternehmen natürlich schwieriger umsetzbar – aber wenn du eine größere Struktur hast, ist das definitiv eine Überlegung wert.
Was wirklich hilft: Drei konkrete Strategien
1. Frühzeitige Planung: Wenn du bereits selbstständig bist und ein Kind erwartest, beginne früh mit der Planung. Welche Aufgaben können pausieren? Wo brauchst du Vertretung? Wie sicherst du dein Einkommen ab?
2. Realistische Erwartungen: Gehe nicht davon aus, dass du nebenbei arbeitest. Plane mit dem Worst Case – wenn dann doch mehr möglich ist, umso besser.
3. Professionelle Beratung: Die Kombination aus Selbstständigkeit und Elternschaft ist kompliziert. Die verschiedenen Behörden, die unterschiedlichen Regelungen, die individuelle Situation – das ist schwer alleine zu durchschauen. Hol dir Hilfe.
Ein Wort zum Schluss
Ja, ein Kind zu bekommen ist eine wunderbare Lebenserfahrung. Eine große, tolle Phase, die mit Freude und Erfüllung verbunden ist. Das soll und muss auch so sein.
Aber aus Business-Perspektive ist es wichtig, die Herausforderungen nicht zu unterschätzen. Je nach Geschäftsidee braucht es gute Vorbereitung und die richtigen Fragen, die rechtzeitig beantwortet werden müssen.
Die Grundregel bleibt: Wenn du gerade dabei bist zu gründen und gleichzeitig ein Kind erwartest – lass es. Eines nach dem anderen. Baby first. Das Business kann warten. Es wird dann immer noch Zeit für deine Gründung sein, unter deutlich besseren Voraussetzungen.
Übrigens: In einem kostenlosen Gründungs-Checkup können wir genau diese Fragen gemeinsam durchgehen. Wenn du in dieser speziellen Situation bist – selbstständig oder am Gründen und gleichzeitig werdende Eltern – dann melde dich. Es ist kompliziert, versuch das lieber nicht alleine zu lösen. Wir helfen dir, zumindest die richtigen Fragen zu stellen und eine realistische Einschätzung zu bekommen, die dir auf deinem Weg wirklich hilft.
