#96: Allen gefallen war gestern – Sonja Zuckerstätter über People-Pleasing in der Selbstständigkeit

Der Podcast

People-Pleasing in der Selbstständigkeit: Warum es allen recht machen oft der falsche Weg ist

“Ich kann nicht streiten. Wirklich gar nicht. Ich habe das letzte Mal vor zwei Jahren gestritten und dann gleich wieder geweint.”

Mit diesen Worten beginnt Sonja Zuckerstätter, Corporate-Bloggerin und Podcasterin von “Allen gefallen”, ihre Geschichte. Eine Geschichte, die viele Solopreneure kennen dürften: die Geschichte vom People-Pleasing in der Selbstständigkeit.

Während in der Start-up-Welt oft von Durchsetzungsvermögen, klaren Grenzen und kompromissloser Fokussierung die Rede ist, sieht die Realität bei vielen Selbstständigen anders aus: Sie sagen Ja, obwohl sie Nein meinen. Sie beantworten E-Mails um 22 Uhr, obwohl morgen um 9 Uhr auch gereicht hätte. Sie verschieben ihre eigenen Grenzen immer weiter nach hinten.

Was macht einen Menschen zum People Pleaser?

Es gibt keine deutsche Übersetzung für den Begriff “People Pleaser” – was vielleicht schon ein Hinweis darauf ist, wie schwer sich unsere Kultur mit diesem Phänomen tut. People Pleaser wollen es allen recht machen, allen gefallen. Klingt erstmal selbstlos und freundlich. Ist es aber nicht.

“People Pleaser wollen es allen recht machen, aber eigentlich aus einer eigenen Motivation heraus”, erklärt Sonja. “Nicht wirklich, um es den anderen recht zu machen – denn das wäre ja schön, so selbstlos – sondern aus Angst.”

Die Angst vor Ablehnung. Die Angst vor Zurückweisung. Die Angst vor Konfrontation und Streit. Und in der Selbstständigkeit kommt noch eine weitere Dimension hinzu: die Angst, Kunden zu verlieren.

Das Perfide an diesem Mechanismus: People Pleaser glauben tatsächlich, sie könnten sich vor allen negativen Erfahrungen schützen, wenn sie nur nichts falsch machen. Wenn sie alle Erwartungen erfüllen. Wenn sie immer verfügbar sind, immer freundlich, immer kompromissbereit. Dann wird alles gut. Dann gibt es keine Probleme.

Spoiler: Es funktioniert nicht.

Die drei Dimensionen des People-Pleasing in der Selbstständigkeit

Sonja unterscheidet drei Bereiche, in denen People-Pleasing für Selbstständige zum Problem wird.

Erstens: Gegenüber Kunden. Wenn Grenzen nicht akzeptiert werden. Wenn aus “flexible Arbeitszeiten” plötzlich “24/7 erreichbar” wird. Wenn die ursprünglich vereinbarte Leistung immer weiter ausgedehnt wird – ohne dass mehr Geld kommt. Kunden merken oft schnell, wenn jemand Schwierigkeiten mit dem Nein-Sagen hat. Und manche (nicht alle, aber manche) nutzen das aus.

Zweitens: Gegenüber sich selbst. Das ist die viel schwierigere Dimension. Denn hier geht es nicht um konkrete Kundenanfragen, sondern um die inneren Überzeugungen. “Wenn ich jetzt einen Fehler mache, bin ich den Kunden los.” “Wenn ich einmal Nein sage, will nie wieder jemand mit mir zusammenarbeiten.” Es sind diese Extremszenarien, die im Kopf ablaufen. Jeder einzelne Schritt könnte der Schritt sein, der alles beendet. Morgen wohne ich unter der Brücke.

Drittens: Gegenüber dem Team. Wenn man anfängt, Mitarbeiter einzustellen und auch ihnen gegenüber keine Grenzen setzen kann. Wenn das Budget nicht reicht, aber man trotzdem Ja sagt. Wenn jemand nicht freinehmen kann, man aber nicht Nein sagen mag.

Die Situation wird besonders vertrackt, wenn man es gleichzeitig dem Kunden UND dem Mitarbeiter recht machen will. Das geht in der Regel nicht gut aus.

Der heimliche vierte Bereich: Das Privatleben

Was im Gespräch deutlich wird: People-Pleasing in der Selbstständigkeit endet nicht an der Bürotür. Im Gegenteil.

“Wenn ich einen 40-Stunden-Job habe, gibt es 40 Stunden in der Woche, wo die Leute wissen, da kann ich nicht”, erklärt Sonja. “Und wenn ich selbstständig bin, haben viele so die Einstellung: Du kannst es dir ja einteilen. Du kannst ja das für mich machen. Du hast ja eh Zeit. Du kannst ja dann in der Nacht arbeiten.”

Die eigene Zeit muss plötzlich in noch mehr Richtungen verteidigt werden. Freunde, Familie, Bekannte – alle haben eine Meinung dazu, was man als Selbstständige doch alles machen könnte. Und People Pleaser haben große Schwierigkeiten, da klare Grenzen zu ziehen.

Warum Ängste nicht rational sind (und Vertrauen die Lösung ist)

“Das Ding ist: Ängste sind halt nicht rational”, sagt Sonja an einer Stelle des Gesprächs. Und trifft damit einen entscheidenden Punkt.

Man kann einem People Pleaser noch so oft erklären, dass es völlig in Ordnung ist, einen Fehler zu machen. Dass kein Kunde einen sofort kündigt, nur weil man mal nicht um 22 Uhr antwortet. Dass es normal ist, Grenzen zu setzen. Es hilft nicht, solange die Angst größer ist als das rationale Wissen.

Die Lösung liegt woanders: im Vertrauen. Und zwar in zweifacher Hinsicht.

Vertrauen nach außen: Das Vertrauen, dass die Kunden es aushalten, wenn mal ein Fehler passiert. Dass sie es akzeptieren, wenn man Nein sagt oder etwas extra verrechnen muss. Dass sie es verstehen, wenn man einen Tag nicht da ist.

Vertrauen nach innen: Das Selbstvertrauen. Die Überzeugung: Egal, was auf mich zukommt, ich kann damit umgehen. Das ist der eigentliche Schlüssel.

“In der Selbstständigkeit können wir halt nicht auf so viele Dinge wirklich vertrauen”, reflektiert Sonja. “Wir können Verträge aufsetzen und alles, aber dann geht die Firma in den Konkurs, was jetzt auch öfter passiert, und dann sitzt man auch irgendwie auf den Aufnahmerechnungen. Aber dieses Selbstvertrauen von: egal, was auf mich zukommt, ich kann damit umgehen – das ist eigentlich der Schlüssel.”

Wie entsteht Vertrauen, wenn man noch keine Beweise hat?

Die Frage liegt nahe: Wie soll man denn Vertrauen haben, wenn man gerade erst startet? Wenn man noch keine Erfahrung hat, dass alles gut geht?

Sonjas Antwort ist ebenso simpel wie klug: “Für Selbstvertrauen haben wir Beweise. Wir sehen sie vielleicht oft nicht, aber ich war gerade im dritten Studium. Ich habe den Job vorher fünf Jahre gehabt. Ich war vorher in zehn Praktika. Ich habe schon gewusst, dass ich was kann.”

Das Selbstvertrauen speist sich nicht nur aus der einen konkreten Situation, sondern aus all den tausenden Situationen, die man bereits bewältigt hat. Man muss sich nur manchmal bewusst machen: Was habe ich bisher schon geschafft? Ist es wirklich so unrealistisch, dass ich auch diese neue Herausforderung schaffe?

Der Vergleich, den Sonja zieht, ist erhellend: “Es ist wie Kinder kriegen. Man kann ja auch nicht nur Eltern werden, wenn man schon die Erfahrung gemacht hat, dass man gut darin ist. Man muss da auch irgendwie das Vertrauen haben, man wächst dann rein.”

Die Falle der perfekten Angst-Vermeidung

Hinter dem People-Pleasing steckt oft die Überzeugung: Wenn ich nur alles richtig mache, kann nichts Schlimmes passieren. Wenn ich alle Erwartungen erfülle, muss ich nicht mit negativen Konsequenzen rechnen.

Das Problem: Diese Strategie funktioniert vielleicht kurzfristig, aber niemals langfristig. Sie führt zu Erschöpfung, zu Überforderung und paradoxerweise genau zu den Problemen, die man vermeiden wollte.

“Wenn man sich dann mal überlegt, wovor habe ich jetzt eigentlich Angst”, führt Sonja aus, “ist es halt so: Oh ja, mit meinem Partner mal zu streiten. Ja, aber wenn das wirklich so ist, dass ein Streit alles zerstören kann, dann hatte ich ja nie eine standfähige Beziehung, und dann ist es besser so.”

Dieser Gedanke lässt sich eins zu eins auf Kundenbeziehungen übertragen: Wenn eine geschäftliche Beziehung wirklich daran zerbricht, dass man einmal einen Fehler macht oder Nein sagt – dann war es nie eine tragfähige Geschäftsbeziehung.

Praktische Strategien gegen People-Pleasing

1. Sich Zeit verschaffen

“Sich Zeit verschaffen” – das ist Sonjas erster konkreter Tipp. People Pleaser reagieren oft automatisch mit Ja. Die Lösung: “Ich komme morgen auf dich zurück.”

Diese simple Formulierung schafft einen Puffer. Zeit zum Nachdenken. Zeit, um das schnelle, automatische Ja zu vermeiden.

2. Die Ja-Nein-Umkehrung

Ein Gedanke, der vieles verändert: “Wenn ich zu einer Sache Ja sage, sage ich zu allem anderen Nein.”

Plötzlich wird klar: Ich habe nur eine begrenzte Anzahl an Jas zur Verfügung. Aber unbegrenzt viele Neins. Warum bin ich dann so sparsam mit dem Nein und so schnell mit dem Ja?

3. Die Unternehmensverfassung

Eine Idee aus der Gründungsberatung, die für People Pleaser besonders wertvoll sein kann: die Unternehmensverfassung. Man hält für sich fest: Ich arbeite nicht am Wochenende. Ich antworte nicht auf E-Mails nach 20 Uhr. Ich mache keine kostenlosen Zusatzleistungen.

Der Clou: Wenn die Anfrage kommt, schaut man in der Verfassung nach. Es steht dort geschrieben, also gilt es. Man nimmt die persönliche Ebene heraus und kann sagen: “Das ist mir nicht erlaubt. Mein Unternehmen erlaubt mir diese Dinge nicht.”

4. Enttäuschung als Ende der Täuschung

“Eine Enttäuschung ist das Ende einer Täuschung”, sagt Sonja. “Ich will aber nicht, dass sich andere in mir täuschen.”

Wenn also jemand enttäuscht ist, weil man nicht am Wochenende arbeitet – gut! Dann täuscht sich diese Person nicht länger. Dann hört auch der Versuch auf, etwas von einem zu erwarten, das man nie leisten wollte.

Diese Perspektive macht Enttäuschung von etwas Negativem zu etwas Notwendigem: Enttäuschung schafft Klarheit.

Sich Zeit nehmen – in zweifacher Hinsicht

Auf die Frage nach dem wichtigsten Tipp für angehende Gründerinnen und Gründer antwortet Sonja mit einem Wort, das zwei Bedeutungen hat: “Sich Zeit nehmen.”

Erstens: Sich aktiv Zeit nehmen. Zeit, um Dinge zu durchdenken. Zeit, um die richtigen Entscheidungen zu treffen. Zeit, um nicht aus Panik oder Angst zu handeln.

Zweitens: Akzeptieren, dass manche Sachen Zeit brauchen. Dass nicht alles sofort funktionieren muss. Dass kurzfristiger Erfolg nicht das einzig Wichtige ist.

“Manchmal ist es besser, kurzfristig jemanden eben zu enttäuschen, als irgendwie die eine Rechnung bezahlt zu kriegen”, fasst Sonja zusammen.

Dieser langfristige Blick ist gerade für People Pleaser schwierig – weil sie oft im kurzfristigen Denken gefangen sind. Im Denken von “dieser eine Schritt könnte alles zerstören”. Der Schritt zurück, der größere Zeitrahmen, die Akzeptanz, dass Dinge wachsen dürfen: Das kann enorm entlastend sein.

Ein Wort zum Schluss

People-Pleasing in der Selbstständigkeit ist kein Randthema. Es betrifft viele Solopreneure – manchmal offensichtlich, oft aber auch subtil und versteckt. Die gute Nachricht: Es ist kein unveränderlicher Charakterzug, sondern ein Muster, das man durchschauen und verändern kann.

Der Weg führt über Selbstvertrauen. Über die Erkenntnis, dass man schon so vieles geschafft hat. Über die Akzeptanz, dass Ängste nicht rational sind und man sie nicht mit rationalen Argumenten besiegen kann. Und über konkrete Strategien: sich Zeit verschaffen, Ja-Nein-Entscheidungen bewusster treffen, Grenzen setzen und verteidigen.

“People Pleaser wollen es allen recht machen, machen es dann aber nie sich selber recht”, sagt Sonja an einer Stelle. Vielleicht ist das der wichtigste Satz des ganzen Gesprächs. Der Schlüssel liegt darin, diese Priorität umzukehren: Es allen recht machen – aber zuerst sich selbst.

Übrigens: In einem kostenlosen Gründungs-Checkup schauen wir uns gemeinsam an, wo du im Umgang mit People-Pleasing-Tendenzen stehst und welche Strategien für deine spezifische Situation am besten passen. Manchmal hilft schon das Aussprechen und gemeinsame Reflektieren, um neue Perspektiven zu gewinnen!

Die Links

Mehr von Sonja: Podcast “Allen gefallen” | LinkedIn: Sonja Zuckerstätter

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