#79: Ein Atelier, zwei Standbeine – Pippa Parragh über Siebdruck, Selbstständigkeit und Struktur

Der Podcast

Better Done Than Perfect: Vom Workshop in der Dusche zum eigenen Siebdruck-Atelier

Manchmal beginnt eine Liebesgeschichte mit einem einzigen Workshop. Bei Pippa Parragh war es ein Siebdruck-Workshop vor zehn Jahren, der den Grundstein für ihr heutiges erfolgreiches Atelier legte. Ihre Geschichte zeigt eindrucksvoll, wie aus einer Leidenschaft eine nachhaltige Selbstständigkeit werden kann – und warum “Better Done Than Perfect” oft der bessere Weg ist.

Vom Hobby zur Profession: Ein zehn Jahre langer Weg

Pippas Reise begann, wie viele Erfolgsgeschichten: mit Neugier. “Ich war schon davor irgendwie so komisch interessiert am Siebdruck, weil ich es noch nicht ausprobiert hatte”, erzählt sie. Ein Workshop vor zehn Jahren wurde zur Initialzündung – sie verliebte sich sofort in diese alte Handwerkskunst.

Doch statt überstürzt zu gründen, ging sie den methodischen Weg: von der Praktikantin zur Druckassistentin, dann zur Hauptdruckerin, später Arbeit in verschiedenen Werkstätten. Diese Jahre der Ausbildung und des Sammelns von Erfahrungen erwiesen sich als unschätzbar wertvoll für ihre spätere Selbstständigkeit.

Der kreative Start: Siebdruck in der Dusche

Bevor Pippa ihr professionelles Atelier eröffnete, richtete sie sich zu Hause ihre erste kleine Werkstatt ein – in der Dusche. “Das hat alles tiptop funktioniert. Aber war natürlich auch immer ein bisschen ein Aufwand, erstens nachher die Dusche wieder zu putzen”, schmunzelt sie heute.

Diese Phase zeigt: Man muss nicht gleich mit der perfekten Ausstattung starten. Kreativität und der Mut zum Beginnen sind oft wichtiger als die idealen Rahmenbedingungen. Selbst mit einem kleinen Hochdruckreiniger ließ sich das Setup realisieren.

Das Siebdruck-Atelier: Handwerk im 6. Bezirk

Heute betreibt Pippa ihr eigenes Siebdruck-Atelier im 6. Wiener Bezirk, wo sie ausschließlich Handsiebdruck praktiziert – ohne Maschinen, nur mit eigener Kraft und traditioneller Technik. Ihr Angebot umfasst zwei Hauptbereiche:

Auftragsarbeiten

  • Zusammenarbeit mit KünstlerInnen, DesignerInnen und Kulturinstitutionen
  • Vom Band-Shirt bis zur hochwertigen Edition auf Papier
  • Individuelle Lösungen für verschiedenste Druckträger

Workshops

  • Monatliche Workshops für Interessierte jeden Alters (17-50 Jahre)
  • Vermittlung der Siebdruck-Technik
  • Begleitung vom ersten Entwurf bis zum fertigen Produkt

Das Erfolgsrezept: Zwei Standbeine

Eine besondere Stärke von Pippas Geschäftsmodell liegt in der Kombination zweier Standbeine: neben ihrem Atelier unterrichtet sie ein bis zwei Tage pro Woche an einer Universität – ebenfalls Siebdruck.

Die Vorteile dieser Kombination:

  • Struktur und Freiheit: “Das eine Standbein gibt mir Struktur, dadurch schätze ich die anderen drei Tage noch viel mehr”
  • Finanzieller Puffer: Fixes Einkommen reduziert den Druck auf jeden einzelnen Auftrag
  • Qualitative Auswahl: “Ich bin nicht auf jeden Auftrag angewiesen” – das ermöglicht wählerischer zu sein
  • Synergie-Effekte: Workshop-Abläufe können in beiden Bereichen perfektioniert werden

Dokumentation als Marketing-Tool

Ein Schlüssel zu Pippas erfolgreichem Start war die konsequente Dokumentation ihres Aufbaus auf Instagram. “Ich habe von Anfang an voll viel gepostet und den ganzen Aufbau von der Werkstatt hergezeigt”, erklärt sie.

Diese Strategie brachte mehrere Vorteile:

  • Frühe Kundenbindung durch “Mitnahme” auf der Reise
  • Authentische Einblicke in den Entstehungsprozess
  • Wertvolle Dokumentation der eigenen Entwicklung
  • Aufbau einer Community von Interessierten

Die Magie der Workshops: Mehr als nur Technik

Was Pippa an ihren Workshops besonders schätzt, geht über die reine Wissensvermittlung hinaus: “Ich sehe immer noch dieses Glitzern in ihren Augen, wenn sie sich jedes Mal freuen, dass das, was sie sich vorher überlegt haben, dann auf einem T-Shirt ist.”

Die Workshops schaffen:

  • Haptische Erfahrungen abseits der digitalen Welt
  • Stolz und Erfolgserlebnisse bei den Teilnehmern
  • Gruppendynamik zwischen völlig fremden Menschen unterschiedlichen Alters
  • Gemeinschaftsgefühl und gegenseitige Unterstützung

Herausforderungen im dritten Jahr

Nach drei Jahren Selbstständigkeit reflektiert Pippa ehrlich über neue Herausforderungen:

Der nachlassende Anfangsschwung

“Es ist sicher ein Unterschied im dritten Jahr als beim ersten, weil man diesen Schwung vom Anfang nicht mehr hat.” Das ständige Dokumentieren des Neuen wird schwieriger, wenn die Abläufe etabliert sind.

Bewusste Weiterentwicklung

Um dem entgegenzuwirken, entwickelt Pippa neue Formate: limitierte Kunsteditionen mit KünstlerInnen, die die Grenzen des Siebdrucks ausloten. “Mir soll ja nicht langweilig werden, weil ich das machen will.”

Better Done Than Perfect: Der wichtigste Rat

Pippas wichtigster Tipp für angehende Selbstständige: “Better Done Than Perfect. Vor allem in Bezug auf Sachen herzeigen.” Statt endlos zu perfektionieren, empfiehlt sie:

  • Einfach machen und zeigen
  • Nicht zu viel Zeit in die Perfektion eines einzelnen Posts investieren
  • Lieber mehr Content produzieren als weniger perfekten
  • Durch das Zeigen lernen, was die Menschen interessiert

Strategien für Zwei-Standbein-Modelle

Aus Pippas Erfahrung ergeben sich wertvolle Erkenntnisse für andere Gründer:

Empfehlenswerte Kombinationen:

  1. Synergie-Modell: Beide Standbeine sehr ähnlich (wie bei Pippa)
  2. Kontrast-Modell: Standbeine völlig verschieden (z.B. Kreativarbeit + Café-Job)

Zu vermeiden:

  • Zwei emotional und energetisch sehr anspruchsvolle Standbeine
  • Kombinationen ohne klare Abgrenzung oder Synergie

Innovation und Weiterentwicklung

Pippa zeigt, wie wichtig es ist, das eigene Business kontinuierlich weiterzuentwickeln. Ihre limitierten Kunsteditionen sind ein Beispiel dafür, wie man:

  • Die eigene Expertise erweitert
  • Neue Zielgruppen erschließt
  • Das Geschäftsmodell interessant hält
  • Kreative Grenzen auslotet

Ein Wort zum Schluss

Pippas Geschichte illustriert mehrere wichtige Prinzipien erfolgreicher Selbstständigkeit: die Bedeutung einer soliden Ausbildung, den Mut zum kreativen Start, die Kraft der Dokumentation und die Weisheit, Perfektion nicht zum Feind des Fortschritts werden zu lassen.

Ihr Weg vom Workshop in der heimischen Dusche zum etablierten Atelier im 6. Bezirk zeigt: Mit Leidenschaft, Ausdauer und der richtigen Balance zwischen Sicherheit und Risikobereitschaft lassen sich auch traditionelle Handwerke erfolgreich in die Moderne überführen.

Für alle, die mit einer eigenen Geschäftsidee liebäugeln, ist Pippas wichtigste Botschaft klar: “Better Done Than Perfect” – und einfach anfangen.

Übrigens: Falls du selbst mit einer handwerklichen oder kreativen Geschäftsidee spielst, unterstützen wir dich gerne in einem kostenlosen Gründungs-Checkup dabei, die richtige Strategie für deinen Start zu entwickeln!

Die Links

Kontakt zu Pippa Parragh:

  1. www.siebdruckatelier.at – Pippas Website
  2. Instagram-Account von Pippa
  3. LinkedIn-Profil von Pippa

Erwähntes Buch:

  • “Siebdruck zu Hause” von Pippa Parragh, erschienen im Verlag Hermann Schmidt (2021) (Amazon)

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