#99: Welche Fehler machen die meisten Gründer:innen am Anfang?

Der Podcast

Die teuren Fehler am Anfang: Was angehende Gründer unbedingt vermeiden sollten

“Ich möchte keine teuren Fehler machen” – dieser Satz fällt in Gründungsberatungen früher oder später fast immer. Die Sorge ist verständlich: Die Gründung liegt einem am Herzen, man macht es zum ersten Mal, und man will sich vom Start weg keine Möglichkeiten verbauen. Lass uns gemeinsam anschauen, welche Fehler wirklich gefährlich sind – und welche “Fehler” eigentlich zum Gründungsprozess dazugehören.

Die zwei Arten von Fehlern

Zunächst eine wichtige Unterscheidung: Nicht jeder Fehler ist gleichwertig. Es gibt “gute” Fehler und teure Fehler.

Die guten Fehler sind jene Annahmen, die sich als falsch herausstellen, wenn sie auf den Markt treffen. Du nimmst etwas an über deine Kunden, über deinen Markt, über deine Konkurrenz – und stellst fest, dass die Realität anders aussieht. Das ist kein Fehler im eigentlichen Sinn, sondern Lernen. Wir irren uns vorwärts, so funktioniert der Zugang zur Selbstständigkeit. Es gibt keine Wahl, als Annahmen zu treffen, sie auszuprobieren und daraus zu lernen.

Von diesen unvermeidlichen Lernprozessen reden wir heute nicht. Wir sprechen über die teuren Fehler – jene, die Geld kosten oder wertvolle Zeit rauben. Die Fehler also, die du tatsächlich vermeiden kannst, wenn du vorher Bescheid weißt.

Der Behörden-Dschungel: Wo es richtig teuer werden kann

Die wahrscheinlich gefährlichsten und teuersten Fehler lauern im österreichischen Behörden-Dschungel. Drei Institutionen verdienen hier besondere Aufmerksamkeit: Finanzamt, SVS (Sozialversicherung der Selbstständigen) und Gewerbeamt.

Der Status-Quo-Fehler: Heimliche Selbstständigkeit

Ein klassischer und kostspieliger Fehler: Du tust so, als wärst du bereits selbstständig, stellst Honorarnoten und Rechnungen aus – hast dich aber noch gar nicht beim Finanzamt gemeldet. Bei uns in Österreich ist der Übergang von der Nicht-Selbstständigkeit in die Selbstständigkeit kein fließender. Er beginnt mit einem bestimmten Zeitpunkt, häufig der Anmeldung des Gewerbescheins oder der Meldung bei der Sozialversicherung.

Dieser harte Übergang muss geplant werden, damit du richtig eingestuft wirst und keine bösen Überraschungen erlebst. Die retrospektive Korrektur solcher Versäumnisse ist meist teuer und manchmal unmöglich.

Die SVS-Falle: Rückwirkende Pflichtversicherung

Die Sozialversicherung der Selbstständigen ist ein besonders komplexes Terrain. Hier kann es schnell zu rückwirkenden Pflichtversicherungen kommen – ein furchtbares Wort, aber eine noch furchtbarere Realität für dein frisches Business.

Das Problem: Wenn du einfach zu tun beginnst und dabei gewisse Einkommens- oder Gewinngrenzen nicht beachtest und überschreitest, geht die SVS relativ hart vor. Du wirst für das gesamte Jahr rückwirkend pflichtversichert. Wenn du zusätzlich noch AMS-Leistungen bezogen hast, wird es noch komplexer – dann können auch Rückforderungen vom AMS ins Spiel kommen.

Solche Nachzahlungen tun besonders weh, wenn du gerade dabei bist, dein Business aufzubauen und jeder Euro zählt. Erschwerend kommt hinzu: Die Einschätzung, ob deine Geschäftsidee SVS-relevant ist, lässt sich nicht pauschal beantworten. Jede Situation ist individuell – abhängig davon, ob du bereits in einem Dienstverhältnis bist, ob du beim AMS gemeldet bist, welche anderen Einkünfte du hast.

Die SVS hat übrigens keine Kulanzmöglichkeiten. Die dürfen das nicht. Es gibt ganz strenge Grenzen, und wenn die überschritten sind – auch nur um einen Cent – dann kann man nichts tun. Die können nicht sagen “passen Sie halt beim nächsten Mal besser auf”. Deswegen der eindringliche Rat: Holt euch hier professionelle Hilfe. Das österreichische Sozialversicherungsgesetz für Selbstständige ist kompliziert genug, dass sich eine Stunde Beratung vielfach auszahlt.

Der Umsatz-ist-nicht-Einkommen-Irrtum

Ein weiterer häufiger Fehler in der Anfangsphase: Viele Gründer verwechseln Umsatz mit Einkommen. Das, was von den Kunden eingenommen wird, wird direkt als verfügbares Einkommen betrachtet und ausgegeben.

Das Problem: Ein Teil deiner Einnahmen gehört dir gar nicht. Die SVS und das Finanzamt werden dir Vorauszahlungen schicken. Wenn du das nicht einplanst und das Geld bereits ausgegeben hast, stehst du plötzlich vor einem Liquiditätsproblem. Diese Vorauszahlungen kommen quartalsweise, und sie können empfindlich sein – besonders wenn dein Business gut läuft.

Prioritäten am Anfang: Die Geschäftsmodell-vor-Außenwirkung-Regel

Ein weiterer kostspieliger Fehler betrifft die Prioritätensetzung in der Anfangsphase. Viele Gründer investieren sehr viel Zeit und Geld in ihre Außenwirkung – in Webseite, Logo, Corporate Design – bevor sie ihr Geschäftsmodell wirklich durchdacht haben.

Die Webseiten-Falle

Es ist verlockend: Eine professionelle Webseite gibt einem das Gefühl, “richtig” zu gründen. Man kann etwas herzeigen, hat etwas Greifbares. Besonders für Gründer ohne Geschäftslokal – und das sind die meisten unserer Beratungskunden – wird die Webseite zur einzigen sichtbaren Manifestation des Business.

Aber die nüchterne Wahrheit lautet: Wäre es nicht klüger, sich mehr Gedanken über das Geschäftsmodell zu machen? Wie gelinge ich an Kunden, die mich dann auch dafür bezahlen? Diese Frage steht viel mehr im Fokus als eine tolle Außenwirkung.

Worst-Case-Szenario: Nach ein paar Monaten ist deine aufwändig gestaltete Webseite bereits obsolet, weil sich deine Geschäftsidee weiterentwickelt hat und klarer geworden ist. Die Webseite, für die du Tausende Euro ausgegeben hast, entspricht nicht mehr dem, was du tatsächlich anbietest.

Die Logo-Obsession

Ähnliches gilt für das Thema Logo und Corporate Design. Es ist verständlich, dass das Logo vielen Gründern wichtig ist. Bei Business ohne physisches Geschäftslokal ist die Visitenkarte mit dem Logo oft die einzige greifbare Abbildung des Unternehmens.

Gleichzeitig: Das Logo bringt dir keinen einzigen Kunden. Niemand kauft bei dir, weil du ein so tolles Logo hast. Du brauchst wahrscheinlich am Anfang gar kein Logo – oder zumindest keins, für das du tausende Euro ausgibst. Der Return on Investment ist in der Anfangsphase einfach nicht gegeben.

Der pragmatische Zugang wäre: Reise mit leichtem Gepäck. Arbeite mit dem, was da ist. Lass das Unternehmen über die Kunden, über die Beauftragungen und Projekte sukzessive wachsen – auch in der Außenwirkung. Dieser bodenständige Ansatz speist sich aus der Erfahrung mit hunderten Gründern: In der Startphase lernt man so viel dazu, dass es sich auszahlt, zum Beispiel das Logo erst nach einem Jahr zu machen. Dann hat man viel mehr Klarheit darüber, wie es aussehen soll.

Die Radikal-Frage für jede Ausgabe

Die entscheidende Frage für jede größere Ausgabe in der Anfangsphase sollte lauten: Bringt uns das einen Kunden? Können wir damit tatsächlich einem Kunden einen Schritt näher kommen? Das ist Ziel Nummer eins.

Wenn die Antwort nein lautet, dann kannst du es immer noch machen. Niemand will es dir ausreden. Aber dann musst du wissen, dass es eine Ausgabe ist, die du dir leistest – ein Luxus. Es wird dich nicht den entscheidenden Schritt weiterbringen.

Die Erfahrung vieler Gründer zeigt: Die ersten Kunden kommen oft ganz ohne Webseite, ohne Logo, ohne perfektes Corporate Design. Im Moment mag das anders erscheinen, weil man sich selbst unter Druck setzt. Aber rückblickend stellt sich heraus, dass diese Dinge anfangs nicht entscheidend waren.

Der Zeit-Fehler: Zu schnell gründen

Ein Fehler, der nicht unmittelbar mit Geld zu tun hat, aber Zeit frisst und langfristig kostet: Zu schnell zu gründen.

Die Anmeldung beim Gewerbeamt (wenn man einen Gewerbeschein braucht), die Anmeldung bei der SVS, die Anmeldung beim Finanzamt – das ist das allerletzte, was du machen solltest. Davor solltest du wirklich viel Zeit und Energie in deine Geschäftsidee investieren, um an deinem Geschäftsmodell zu arbeiten:

  • Wie komme ich zu Kunden?
  • Was ist meine Dienstleistung oder mein Produkt genau?
  • Wer ist meine Zielgruppe?
  • Was ist mein Alleinstellungsmerkmal?

Das sind die Kernthemen, an denen du arbeiten solltest. Wenn das klar ist und wenn naheliegend ist, dass du schon deine ersten Kunden bekommen kannst, dann ist es Zeit, das Unternehmen anzumelden. Das Finanzamt erlaubt übrigens, dass man sich im selben Monat meldet, in dem man selbstständigen Tätigkeiten nachgeht. Du hast also einen Spielraum von drei bis vier Wochen.

Es ist nicht wie in anderen Lebensbereichen, wo du dich zuerst bei der Universität melden musst, um dann das Studium besuchen zu können. Hier ist es umgekehrt: Du bereitest alles vor, machst dir deine Gedanken – und das allerletzte ist dann die formale Gründung.

Eine wichtige Einschränkung: Wenn du jemand bist, der sich seit drei Jahren überlegt, sich selbstständig zu machen, und alles schon zehnmal durchgedacht hat, dann gilt das nicht. Dann hast du dir bereits genug Zeit gelassen, und es ist Zeit, den Mut aufzubringen und den nächsten Schritt zu setzen.

Zusammenfassung: Die vermeidbaren vs. die unvermeidbaren Fehler

Lass uns zusammenfassen, was wir unter teuren, vermeidbaren Fehlern verstehen:

Die teuren Fehler (vermeidbar):

  • Geld ausgeben, das du aus Unwissen bei Behörden nachzahlen musst
  • Prioritäten setzen, die sich am Anfang nicht auszahlen
  • Deinen Rucksack mit unnötigen Ausgaben beschweren
  • Auf Kosten deiner Geduld und Reichweite in Dinge investieren, die sich langfristig nicht rechnen

Die guten “Fehler” (unvermeidbar und lehrreich):

  • Annahmen treffen, die sich als falsch herausstellen
  • Marktreaktionen falsch einschätzen
  • Kundenbedürfnisse nicht auf Anhieb richtig verstehen
  • Aus der Konfrontation mit der Realität lernen

Die Kunst liegt darin, die erste Kategorie zu minimieren, während man die zweite Kategorie als notwendigen und wertvollen Lernprozess akzeptiert.

Ein Wort zum Schluss

Eine fehlerlose Gründung gibt es nicht – und das ist auch gut so. Fehler sind Helfer, wie es im Klassenzimmer so schön heißt. Aber es gibt eben Fehler, die dich wertvolle Zeit und teures Geld kosten, und solche, aus denen du einfach lernst und die dich weiterbringen.

Die teuren Fehler kannst du vermeiden, wenn du dir die richtige Unterstützung holst. Das österreichische Sozialversicherungs- und Steuersystem ist komplex genug, dass sich professionelle Beratung vielfach auszahlt. Eine Stunde Beratung kann dir Monate an Ärger und hunderte oder tausende Euro an Nachzahlungen ersparen.

Bei der Prioritätensetzung gilt: Geschäftsmodell vor Außenwirkung. Kundengewinnung vor Logo. Klarheit über dein Angebot vor perfekter Webseite. Das mag anfangs unbefriedigend sein, weil man gerne etwas Greifbares, Sichtbares hätte. Aber der pragmatische, bodenständige Ansatz zahlt sich langfristig aus.

Und denk daran: In der Startphase lernst du so viel dazu, dass es sich auszahlt, mit den großen Investitionen zu warten, bis du wirklich Klarheit hast, was du brauchst.

Übrigens: In einem kostenlosen Gründungs-Checkup schauen wir uns gemeinsam deine Situation an. Wir helfen dir einzuschätzen, wo du im Gründungsprozess stehst, was deine nächsten Schritte sein sollten und welche Fehler du konkret vermeiden kannst. Wir schauen uns auch dein Geschäftsmodell an und helfen dir bei den Gründungsschritten – etwa bei der Frage, wann und wie du dich beim Finanzamt oder der SVS melden solltest. Wir haben das Wissen, um dir tatsächlich weiterzuhelfen. Keine Gruppenkurse, keine Online-Seminare – sondern ein individuelles Gespräch über deine spezifische Situation.

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