Der Podcast
Wenn Geld keine Rolle spielt: Gründungen ohne Umsatzdruck
“Das Einkommen ist eigentlich ziemlich wurscht” – ein Satz, den man in der Gründungsberatung nicht oft hört. Doch manchmal gibt es Situationen, wo Menschen sich selbstständig machen, ohne dass das Geld im Vordergrund steht. Eine “Leiwand gründen” Geschichte über Gründungen in der zweiten Lebenshälfte und warum nicht jedes Business um Umsatz kämpfen muss.
Die zweite berufliche Hälfte: Wenn Geld zur Nebensache wird
Es ist ein Muster, das sich in der Gründungsberatung immer wieder zeigt: Frauen in der zweiten beruflichen Lebenshälfte, deren Kinder aus dem Haus sind, die endlich Zeit für eigene Projekte haben. Die finanzielle Situation ist entspannt – das Haus ist abbezahlt, der Partner verdient gut, die großen Ausgaben sind vorbei.
Typische Ausgangssituation:
- Eigenes Haus, keine Miete
- Partner mit gutem Einkommen
- Kinder finanziell selbstständig
- Ersparnisse vorhanden
- Wunsch nach sinnvoller Beschäftigung
Beispiele aus der Praxis
Die Lebens- und Sozialberaterin: Eine Frau wollte anderen Menschen helfen, hatte aber keinen Druck, viele Kunden zu akquirieren. Hauptsache, die Tätigkeit war erfüllend.
Die Schmuckdesignerin: Kunsthandwerk war ihre Leidenschaft. Ob sie fünf oder zehn Stücke pro Monat verkauft, spielte keine Rolle – solange sie ihre Kreativität ausleben konnte.
Beiden gemeinsam: Ihre Geschäftsideen ergaben, betriebswirtschaftlich betrachtet, “eine schwarze Null” – ein Hobby, das sich selbst finanziert.
Der Betriebswirt vs. die Lebenspraxis
Der strenge Betriebswirt würde sagen: “Was am Markt keine Berechtigung hat, verschwindet wieder.” Aber hier zeigt sich: Gott sei Dank geht es im Leben um mehr als Betriebswirtschaft.
Diese Gründungen sind nicht schlechter, nur weil sie kein Geld verdienen müssen. Sie sind vollwertige Businesses mit einem anderen Zweck: der Suche nach Gestaltungsmöglichkeiten und sinnvoller Beschäftigung.
Die Vorteile des druckfreien Gründens
Keine Kompromisse bei der Kundenauswahl: Man kann sich die “leibenden” Kunden aussuchen und muss nicht jeden Auftrag annehmen.
Kein permanenter Marketingdruck: Wenn drei Kunden diesen Monat reichen, ist das völlig in Ordnung.
Normale Preise: Nur weil kein Umsatzdruck herrscht, muss man nicht billiger sein. Die Leistung hat ihren Wert.
Gestaltungsfreiheit: Man kann das Business so entwickeln, wie es einem entspricht, ohne ständige Wachstumsziele.
Störungen im Marktgefüge?
Eine berechtigte Frage: Macht das nicht den Markt für andere kaputt? Die Antwort: Nicht unbedingt. Diese Gründer verlangen normale Honorare und Preise. Der Unterschied liegt nur darin, dass sie keinen Umsatzdruck haben und sich entspannte Entscheidungen leisten können.
Die Herausforderung: Verlust der Marktorientierung
Wenn der Einkommensdruck wegfällt, kann auch die Marktorientierung leiden. Die Fragen ändern sich:
- Statt: “Was brauchen meine Kunden?”
- Zu: “Was will ich machen?”
Das kann dazu führen, dass man sich von den tatsächlichen Kundenbedürfnissen entfernt und hauptsächlich das macht, was einem selbst Spaß macht.
Weniger unternehmerische Entwicklung?
Ein wichtiger Aspekt: Die unternehmerische Weiterentwicklung findet weniger statt, weil sie nicht stattfinden muss. Der Marktdruck, der normalerweise zu Innovation und Verbesserung zwingt, fehlt.
Die Persönlichkeitsreise der Selbstständigkeit – normalerweise ein intensiver Lernprozess – verläuft entspannter, aber auch weniger intensiv.
Professionalität ohne Umsatzdruck
Interessant: Die beobachteten Gründerinnen waren trotzdem sehr professionell und kundenorientiert. Sie achteten darauf, wirklichen Nutzen zu stiften. Der einzige Unterschied: Es war egal, ob drei oder zehn Kunden kamen.
Skin in the Game: Braucht es den Druck?
“Skin in the Game” – ein eigenes Risiko zu haben – führt oft zu kreativerem Denken und besseren Lösungen. Wenn der eigene “Säckel” spürbar ist, handelt man anders. Aber ist das immer notwendig?
Die Gegenfrage: Ist es wirklich besser, ständig Umsatzdruck zu haben? Macht einen das zu einem besseren Unternehmer oder nur zu einem gestressten Menschen?
Das Kundendilemma
Ein möglicher Konflikt: Ein gestresster Unternehmer mit wenig Zeit trifft auf einen entspannten Dienstleister ohne Zeitdruck. Kann das funktionieren?
Die Erfahrung zeigt: Ja, wenn die Professionalität stimmt. Entspannte Dienstleister können oft sogar bessere Lösungen bieten, weil sie nicht unter Druck stehen.
Vollwertige Businesses mit anderem Zweck
Das Learning: Ein Business muss sich nicht nur über Umsatz definieren. Manchmal geht es einfach darum, eine Tätigkeit in eine Form zu gießen, die einem entspricht, ohne Verluste zu machen.
Kriterien für ein vollwertiges Business ohne Umsatzdruck:
- Die Tätigkeit ist gesellschaftlich nützlich
- Es wird professionell gearbeitet
- Die Kosten werden gedeckt
- Kunden erhalten echten Mehrwert
- Der Gründer ist zufrieden
Das Ideal: Druckfreies Arbeiten
Vielleicht ist das sogar ein Ziel, das sich alle Gründer setzen sollten: Irgendwann so erfolgreich zu sein, dass man ohne Umsatzdruck arbeiten kann. Zusätzliche Einnahmequellen, passives Einkommen oder finanzielle Sicherheit ermöglichen es, nur noch Projekte anzunehmen, die wirklich passen.
Verschiedene Phasen der Selbstständigkeit
Phase 1: Überleben – jeder Auftrag wird angenommen
Phase 2: Wachsen – strategische Kundenauswahl
Phase 3:Gestalten – druckfreies Arbeiten wird möglich
Manche haben das Glück, direkt in Phase 3 starten zu können – meist haben sie es sich aber in anderen Lebensbereichen verdient.
Nicht nur ein Frauen-Phänomen
Obwohl das Muster häufig bei Frauen in der zweiten Lebenshälfte beobachtet wird, ist es nicht darauf beschränkt. Auch Männer oder jüngere Menschen können sich in solchen Situationen befinden – durch Erbschaften, erfolgreiche Investments oder andere Umstände.
Fazit: Business ist mehr als BWL
Diese Gründungen zeigen, dass es verschiedene Definitionen von Erfolg gibt. Ein Business muss nicht ständig wachsen oder maximale Gewinne erzielen, um wertvoll zu sein.
Der Schlüssel liegt darin zu verstehen: Selbstständigkeit kann verschiedene Zwecke erfüllen – von der Existenzsicherung bis zur Selbstverwirklichung.
Wichtig ist nur, ehrlich zu sich selbst zu sein über die eigenen Ziele und Möglichkeiten.
Ein Wort zum Schluss
Ob mit oder ohne Umsatzdruck – jede Form der Selbstständigkeit hat ihre Berechtigung. Entscheidend ist, dass sie zu den persönlichen Umständen und Zielen passt.
Übrigens: Egal ob du gerade die Kinder aus dem Haus hast und endlich deine Geschäftsidee umsetzen möchtest, oder ob du unter Erfolgsdruck ein Business aufbauen willst – wir sind ansprechbar. In einem kostenlosen Gründungs-Checkup schauen wir gemeinsam auf deine Situation und entwickeln den für dich passenden Weg in die Selbstständigkeit. Denn jeder Weg ist anders – und das ist auch gut so.
Die Links
#78: Ist Gründen mit 40 das neue 30? – Über Gründungen in der zweiten Karriere-Hälfte
