Der Podcast
Luftschlösser in der Gründung: Warum du deine Geschäftsidee vorher testen solltest
“Ich möchte Englischlehrer werden” – “Haben Sie schon mal unterrichtet?” – “No, not yet.” Diese Situation aus der “Leiwand gründen” Gründungsberatung zeigt ein weit verbreitetes Phänomen: Menschen wollen sich in Bereichen selbstständig machen, die sie noch nie ausprobiert haben. Was dahinter steckt und wie man es besser macht.
Der Irische Englischlehrer: Ein klassisches Beispiel
Ein sympathischer Ire, der aus Liebe nach Wien gekommen war, wollte seine Gastronomie-Karriere beenden. Nach Jahren im Irish Pub sehnte er sich nach geregelten Arbeitszeiten und weniger Stress. Seine Lösung: Englischkurse anbieten. Ein ressourcenbasierter Ansatz – schließlich ist er Muttersprachler.
Doch auf die Frage, ob er schon einmal unterrichtet habe, kam die ernüchternde Antwort: “No, not yet.” Auch sonst hatte er noch nie versucht, jemandem etwas beizubringen. Hier wollte sich jemand als Lehrer selbstständig machen, ohne je das Unterrichten ausprobiert zu haben.
Das Muster: Geschäftsideen ohne Praxiserfahrung
Diese Situation ist kein Einzelfall. Aus der Gründungsberatung kennt man ähnliche Szenarien:
Der Gebäudereiniger: Wollte Stiegenhäuser putzen, hatte aber noch nie ein sechsstöckiges Stiegenhaus von oben bis unten geputzt.
Der Donut-Verkäufer: Plante einen Imbissstand mit “geschmückten Donuts” (gekauft beim Metro und dann dekoriert), hatte aber noch nie in seinem Leben etwas gebacken oder dekoriert.
Der Lebensmittelhändler: Wollte einen Laden eröffnen, gab aber zu, nicht gerne mit Menschen zu reden.
Die Psychologie dahinter
Warum passiert das so häufig? Menschen sehen eine Geschäftsmöglichkeit und projizieren ihre Vorstellungen darauf, ohne die Realität zu testen. Sie fokussieren sich auf das Ergebnis (selbstständig sein, Geld verdienen) und übersehen den Prozess (die tägliche Arbeit).
Typische Denkfehler:
- “Ich kann das schon irgendwie”
- “Andere machen das auch”
- “So schwer kann es nicht sein”
- “Ich lerne das dann schon”
Das Herz der Gründungsberater
Für Gründungsberater sind solche Situationen besonders schmerzhaft. Da sitzt ein netter Mensch mit guten Absichten, der sich beruflich verändern möchte – aber die Geschäftsidee ist praktisch zum Scheitern verurteilt. Das Dilemma: Wie ehrlich kann man sein, ohne den Traum zu zerstören?
Der Lernprozess: Scheitern als Chance
Manchmal ist es wichtig, dass Menschen selbst herausfinden, ob ihre Idee funktioniert. Besonders wenn nicht viel Geld im Spiel ist, kann “Learning by Doing” wertvoll sein. Der Lerneffekt einer Gründung – auch einer gescheiterten – ist oft unbezahlbar.
Aber: Bei hohen Investitionen (100.000 Euro Bankkredit) muss man sich dreimal überlegen, ob das Risiko vertretbar ist.
Die Lösung: Vorher testen, dann gründen
Bevor du dich in einem Bereich selbstständig machst, solltest du die Tätigkeit ausgiebig testen:
Praktische Schritte:
- Stiegenhaus putzen? Putz erst mal ein sechsstöckiges Stiegenhaus!
- Donuts verkaufen? Back und dekoriere erst mal Donuts!
- Englisch unterrichten? Gib erst mal Nachhilfe oder biete kostenlosen Unterricht an!
Einfache Wege zum Testen
Schnuppertage: Fast jeder Beruf lässt sich durch Schnuppertage erkunden.
Ehrenamtliche Tätigkeit: Viele Vereine bieten Möglichkeiten, neue Fähigkeiten auszuprobieren.
Anstellung vor Selbstständigkeit: Arbeite erst ein halbes Jahr angestellt in dem Bereich. Wenn es dir nach sechs Monaten immer noch gefällt, dann mach dich selbstständig. In der Lernphase wirst du sogar bezahlt!
Nebentätigkeit: Teste deine Geschäftsidee erst mal nebenbei, bevor du den Hauptjob aufgibst.
Skin in the Game
Wie Vera Birkenbihl es ausdrückte: Du brauchst “Skin in the Game” – echte Erfahrung in dem Bereich, in dem du dich selbstständig machen willst. Diese Erfahrung ist Gold wert, egal ob du später eine berufliche Karriere oder eine Selbstständigkeit darauf aufbaust.
Ehrliche Selbstreflexion
Frage dich ehrlich:
- Habe ich die Tätigkeit schon mal gemacht?
- Macht sie mir Spaß?
- Kann ich mir vorstellen, das jahrelang zu tun?
- Bin ich gut darin?
- Gibt es einen Markt dafür?
Es geht nicht darum, dass die Arbeit dich glücklich machen muss – aber sie sollte dir zumindest liegen und du solltest sie dir über Jahre hinweg vorstellen können.
Die Realität der Selbstständigkeit
Selbstständigkeit ist mehr als nur die fachliche Tätigkeit. Du musst auch:
- Kunden akquirieren
- Rechnungen schreiben
- Marketing betreiben
- Buchführung machen
- Mit Behörden kommunizieren
Auch diese Aspekte solltest du vor der Gründung durchdenken.
Fazit: Träume sind wichtig – aber teste sie
Jeder Mensch sollte sich einmal im Leben selbstständig machen, weil es die beste Persönlichkeitsentwicklung ist, die es gibt. Aber mach es klug: Teste deine Idee vorher ausgiebig, sammle Erfahrungen und lerne den Markt kennen.
Der Schlüssel liegt darin, zwischen Träumen und Realität zu unterscheiden – und die Realität vorher zu testen.
Träume sind wichtig und berechtigt. Aber sie sollten auf einem soliden Fundament aus Erfahrung und Können stehen. Dann werden aus Luftschlössern echte, erfolgreiche Unternehmen.
Ein Wort zum Schluss
Eine Geschäftsidee zu haben ist nur der erste Schritt. Sie zu testen, zu verfeinern und auf einem soliden Erfahrungsschatz aufzubauen, ist der Weg zum Erfolg. Nimm dir die Zeit dafür – sie ist gut investiert.
Übrigens: Wenn du eine Geschäftsidee hast und diese gerne einmal reflektieren möchtest, oder wenn du dir Feedback wünschst, dann melde dich bei uns. In einem kostenlosen Gründungs-Checkup schauen wir gemeinsam, ob deine Idee Hand und Fuß hat und wie du sie am besten testen kannst.
