Der Podcast
Wie du mit der Angst vor dem Verlust der Gehaltssicherheit umgehst
Das fixe Gehalt aufgeben – für viele angehende Gründer ist das der eigentliche Knackpunkt, nicht die Geschäftsidee selbst. Und das ist durchaus verständlich: Wer einen gut bezahlten Job hat, tauscht mit der Selbstständigkeit Sicherheit gegen Freiheit. Oder anders formuliert: Du darfst dir im Leben aussuchen, welches Problem du haben möchtest – eingeschränkte Freiheit oder unsicheres Einkommen.
Diese nüchterne Betrachtung ändert allerdings nichts daran, dass die Angst real ist und dass sie sich nicht einfach wegdiskutieren lässt. Lass uns gemeinsam erkunden, wie du mit dieser Angst umgehen und was du ihr konkret entgegensetzen kannst.
Das Paradox der erfolgreichen Angestellten
Ein interessantes Phänomen aus der Gründungsberatung: Häufig sind es gerade die besonders erfolgreichen Angestellten, die den Schritt in die Selbstständigkeit erwägen. Menschen, die einen guten, gut bezahlten Job haben, die Urlaubswochen genießen und für die auch der Krankenstand eine angenehme Absicherung darstellt.
Das Problem liegt selten beim Gehalt selbst. Vielmehr sind es die eingeschränkten Freiheitsgrade, der manchmal fehlende Sinn in der Arbeit oder die begrenzten Möglichkeiten, eigene Ideen zu verwirklichen. In der Selbstständigkeit könnte all das viel besser ausgedrückt werden – wäre da nicht diese Sache mit dem unsicheren Einkommen.
Der Trade-off ist klar: Sicherheit gegen Selbstständigkeit. Und dieser Übergang ist tatsächlich nicht schmerzfrei. Es ist eine bewusste Entscheidung, die getroffen werden muss.
Die irrationale Angst vor dem Worst Case
Wenn Menschen über den Schritt in die Selbstständigkeit nachdenken, entwickelt sich manchmal eine bemerkenswerte Dynamik: Die Sorge vor dem Scheitern wächst zu einem regelrechten Horrorszenario an. Im Kopf entstehen Bilder vom Leben unter der Brücke, vom finanziellen Ruin, vom absoluten Zusammenbruch der Existenz.
Das Bemerkenswerte daran: Diese Angst ist völlig irrational. Sie lässt sich mit keinem vernünftigen Argument belegen – und doch fühlt sie sich erschreckend real an. Gerade in der Übergangsphase rutscht dieses Worst-Worst-Case-Szenario nach vorne und wird plötzlich sehr präsent.
Die Wahrheit sieht anders aus: Du wirst nicht unter der Brücke landen. Du wirst nicht verhungern. Das wird einfach nicht passieren. Wenn diese Angst auftaucht, darfst du dir sagen: “Danke, liebe Angst, dass du dich gemeldet hast – aber das kann ich nicht ernst nehmen. Da haben wir keine Fakten.”
Das österreichische Sicherheitsnetz
Ein wichtiger Realitäts-Check für alle, die in Österreich gründen wollen: Es gibt ein sehr gut ausgebautes soziales Sicherheitsnetz, das dich auffangen wird.
Die konkreten Fakten:
- Wer länger als fünf Jahre in einem Dienstverhältnis war, hat Ansprüche auf AMS-Gelder
- Die Arbeitslosenversicherung bleibt bestehen
- Im Worst Case kannst du entweder zurück in die Anstellung gehen oder dich beim AMS melden
- Diese Institutionen sind genau dafür da – du darfst sie nutzen, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen
Ja, vielleicht ist es ein bisschen unangenehm, zu sagen: “Ich war selbstständig, jetzt bin ich wieder beim AMS.” Das kann eigenartig sein. Aber es wird dich nicht umbringen, du bist nicht unter der Brücke und du wirst nicht verhungern. All die Horrorszenarien, die in deinem Kopf ablaufen, werden nicht Realität.
Strategie 1: Das Startkapital
Eine konkrete Möglichkeit, mit der Angst umzugehen, ist der Aufbau eines finanziellen Polsters. Frage dich: Womit fühle ich mich wohl? Sind es zwei oder drei Monatsgehälter, die auf der Seite liegen? Ein halbes Jahr? Ein ganzes Jahr?
Dieses Geld kannst du – in gewissem Maße – als “Spielgeld” betrachten. Wenn es weg wäre und der Versuch der Selbstständigkeit nicht funktioniert hat, bringt dich das nicht um (im übertragenen Sinne). Du kannst trotzdem noch deine privaten Fixausgaben decken.
Die Höhe dieses Startkapitals ist individuell verschieden. Das Sicherheitsempfinden ist bei jedem anders. Manche sagen: “Mir reicht ein Monat.” Andere brauchen ein halbes oder ein ganzes Jahr. Wieder andere sagen: “Brauche ich gar nicht.” Das ist ähnlich wie beim Investieren in Aktien oder Vermögenswerte – jeder hat ein anderes Risikoempfinden, das mit dem Sicherheitsempfinden zusammenhängt.
Wenn du herausfindest, welcher Typ du bist, lernst du auch, damit umzugehen.
Strategie 2: Der Liquiditätspolster
Neben dem Startkapital für die Gründung selbst gibt es noch eine zweite wichtige Größe: den Liquiditätspolster für den laufenden Betrieb.
Die zentrale Frage lautet: Was brauche ich denn für mich zum Leben als Fixkosten? Und was brauche ich für meine Firma, damit dieser Betrieb aufrechterhalten werden kann?
Multipliziere diese Summe mit mindestens drei. Das gibt dir einen Puffer für jene Phasen, in denen keine Aufträge hereinkommen – und diese Phasen werden kommen. Zwei bis drei Monate ohne Beauftragung können durchaus passieren. Mit einem soliden Liquiditätspolster kannst du ruhiger schlafen und musst nicht nervös werden.
Ein Praxisbeispiel aus der Corona-Zeit: Mit einem Liquiditätspolster von sechs Monaten ließ sich diese Krise gut überstehen – auch wenn sie neun Monate dauerte, weil doch etwas eintröpfelt und möglicherweise Fördermittel verfügbar waren. Das war ein riesen Learning: Gut, dass ich so agiert habe, sonst wäre ich böse überrascht worden.
Die Grenzen finanzieller Sicherheit
Jetzt kommt allerdings ein wichtiger Punkt, der nicht verschwiegen werden sollte: Angst lässt sich nicht immer durch einen Kontostand beeindrucken.
Der Manager in uns sagt völlig zu Recht: Wenn du Liquidität zur Verfügung hast, wenn du Startkapital aufgebaut hast, dann ist das auf alle Fälle eine Hilfe. Du kannst ruhigere Entscheidungen treffen, du hast Geduld, du musst nicht nervös werden, du hast den Atem, lang durchzuhalten.
Wenn du allerdings im Panikmodus bist und in dieser Angst steckst – wenn die Horrorszenarien sich abbilden – dann nützt ein hoher Kontostand nichts. Dann ist es egal, ob da 10.000 oder 100.000 Euro stehen. Selbst wenn eine Million auf dem Konto läge, wäre da die Sorge: Diese Million könnte weg sein, und dann lande ich unter der Brücke.
Das heißt: Finanzielle Vorbereitung ist gut und wichtig. Bitte mach das. Die Angst wird aber trotzdem wieder kommen, selbst wenn du so gut vorbereitet bist, wie nur möglich.
Warum die Angst immer wieder kommt
Die Angst erscheint deshalb immer wieder, weil sich bei dir im Leben etwas tut. Weil du etwas veränderst. Und Veränderungen lösen immer Sorgen aus. Eine Gründung ist oft eine sehr große Veränderung.
Es verändert sich natürlich etwas von der Arbeit her. Aber es verändert sich auch etwas im Umfeld dadurch. Diese Veränderung löst neue Situationen aus – und dadurch kommt auch Angst.
Der Umgang damit: Du kannst dieser Angst etwas entgegenhalten, indem du einerseits sagst: “Schau her, Geld gibt es genug, wir brauchen uns keine Sorgen zu machen.” Und andererseits: “Selbst im Worst Case ist das kein wirklicher Bad Case – da ist einiges möglich.”
Strategie 3: Rede darüber
Der dritte wichtige Punkt im Umgang mit dieser Angst: Rede darüber.
Es ist ganz wichtig, sich gerade am Anfang ein Mini-Netzwerk an anderen Unternehmern und Unternehmerinnen aufzubauen. Hier kannst du Ängste und Sorgen austauschen. Jeder geht damit ein bisschen anders um. Du kannst dir für dich selbst ein paar Impulse und Ideen mitnehmen.
Manchmal reicht es nicht aus, sich nur den Kontostand anzuschauen. Es reicht auch nicht immer aus, Dinge aufzuschreiben, um sie aus dem Kopf aufs Papier zu bringen und sich zu fragen: Ist das tatsächlich jetzt eine begründete Angst oder nur ein Glaubenssatz, der gar nicht zu mir gehört?
Wenn du mit anderen darüber redest, wird diese Reflexion leichter. Und du wirst merken: Du bist mit diesen Ängsten nicht alleine. Jeder kämpft damit.
Diese Sorgen begleiten nicht nur Gründerinnen und Gründer – sie begleiten alle Selbstständigen. Alle gestandenen Unternehmer haben das Problem: Wenn ein Großauftrag platzt oder sich etwas, von dem man sich viel erwartet hat, nicht realisiert, dann kommt plötzlich genau wieder diese Angst hoch. “Morgen müssen wir zusperren.” Was auch unrealistisch ist – aber die Angst ist da.
Der hybride Weg: Schrittweise in die Selbstständigkeit
Ein wichtiger Bonus-Tipp zum Abschluss: Dieser Umstieg von Angestelltenverhältnis in die Selbstständigkeit kann auch schrittweise passieren. Es ist kein entweder-oder.
Möglichkeiten für einen sanften Übergang:
- Stunden im Angestelltenverhältnis reduzieren
- Die gewonnene Zeit in den Aufbau der Selbstständigkeit investieren
- Erste Kunden gewinnen, während das Gehalt noch fließt
- Bei der Sozialversicherung als “nebenbei selbstständig” oder “geringfügig selbstständig” melden
Dieser Weg ermöglicht einen fast organischen Übergang. Du kündigst nicht heute und bist morgen selbstständig, sondern baust das wirklich schrittweise, stufenweise auf.
Die Perspektive funktioniert auch umgekehrt: Wenn du voll selbstständig bist und draufkommst, dass du dich nicht wohl fühlst oder mit dieser Angst und diesem Sicherheitsgefühl einfach nicht zurechtkommst, kann ein zusätzliches Dienstverhältnis helfen. Eine hybride Selbstständigkeit ermöglicht es, beide Vorteile (und natürlich auch beide Nachteile) zugleich zu nutzen, um dieser Angst entgegenzuwirken.
Aus persönlicher Erfahrung lässt sich sagen: Diese hybride Selbstständigkeit – ein Teil angestellt, ein Teil selbstständig – kann sehr beruhigend sein und sehr gut funktionieren. Mit eigenen Herausforderungen, gewiss. Aber die Geldsorgen, die Frage nach “Werde ich genug Geld haben?”, ist durch diesen angestellten Teil auf alle Fälle beruhigt.
Ein Wort zum Schluss
Die Angst vor dem Verlust der Gehaltssicherheit ist real. Sie ist verständlich. Und sie wird nicht einfach verschwinden.
Aber du kannst ihr etwas entgegensetzen: finanzielle Vorbereitung durch Startkapital und Liquiditätspolster, das Wissen um das soziale Sicherheitsnetz in Österreich, den Austausch mit anderen Selbstständigen und gegebenenfalls einen schrittweisen Übergang.
Diese Angst wird dich begleiten – aber sie muss dich nicht lähmen. Durch die Angst hindurchzugehen, ihr entgegenzuwirken und sich ihr zu stellen, ist möglich. Und auf der anderen Seite wartet die Freiheit, die du gesucht hast.
Übrigens: In einem kostenlosen Gründungs-Checkup können wir gemeinsam über deine Herausforderungen beim Business-Start sprechen. Wir können schauen, welche Strategie für dich am besten passt, wie dein individuelles Sicherheitsempfinden aussieht und welcher Weg für dich der richtige ist. Denn eines ist sicher: Wir können einiges gegen deine Angst tun und stehen dir an der Seite, damit du trotz Sorgen gut in deiner Selbstständigkeit startest.
Die Links
Folge #55: “Was bedeutet ‘nebenbei selbständig’?”
