#101: Psychologie im Garten – Martina Pichler über den Mut zur Selbstständigkeit

Der Podcast

Die Selbstständigkeit als Garten: Ein Gespräch über Wachsen, Reifen und authentisches Unternehmertum

Die Metapher des Gartens für die Selbstständigkeit ist nicht neu – und doch entfaltet sie eine besondere Kraft, wenn man sie mit jemandem bespricht, der diese Analogie nicht nur theoretisch bemüht, sondern tatsächlich lebt. Martina Pichler, Lebens- und Sozialberaterin, hat aus der Not eine Tugend gemacht und bietet “Psychologie im Garten” an – Beratungsgespräche zwischen Blumen und Gemüsepflanzen, in der Tradition des platonischen Gartens. Unser Gespräch mit ihr öffnet überraschende Perspektiven auf das, was Selbstständigkeit wirklich bedeutet.

Der Same wird früh gelegt

Martina erzählt, dass der Same für ihre Selbstständigkeit bereits mit 17 Jahren gelegt wurde – damals, als ihr größtes Interesse der Psychologie und Philosophie galt. Diese frühe Begeisterung entwickelte sich über mehr als zwei Jahrzehnte: Sonder- und Heilpädagogik, das psychotherapeutische Propädeutikum, die Lebens- und Sozialberaterausbildung, spirituelle Fragen.

Was hier deutlich wird: Eine Selbstständigkeit entsteht nicht von heute auf morgen. Sie reift – manchmal über viele Jahre. Der Same wird gelegt, die Pflanze wächst, verzweigt sich, manche Triebe werden stärker, andere sterben ab. “Ich habe ursprünglich vielleicht Sonnenblumen gesät”, sagt Martina, “bin dann übergegangen zu Stockrosen, und Pfeilchen und Tulpen sind auch noch dazu gekommen.”

Diese natürliche Auslese dessen, was wichtig bleibt und was nicht mehr gebraucht wird, ist kein Scheitern – sondern ein Zeichen von Reife. Im Garten wie in der Selbstständigkeit.

Von der Not zur Tugend: Die Entstehung eines einzigartigen Konzepts

Die Geschichte, wie Martina zu ihrem Konzept “Psychologie im Garten” kam, ist bemerkenswert: Sie wohnte in einem Schrebergartenhäuschen, hatte gerade ihre Ausbildung zur Lebens- und Sozialberaterin abgeschlossen und brauchte einen Praxisraum. Der Garten war da – und die Besucher fühlten sich darin wohl. Stundenlang saßen sie zusammen, philosophierten, redeten.

Inspiriert von der Antike – Platon, der mit seinen Schülern im Garten saß – entstand eine Idee, die authentischer kaum sein könnte. Und hier liegt eine zentrale Erkenntnis: Die besten Geschäftskonzepte entstehen oft aus der individuellen Lebenssituation heraus, nicht aus dem Kopieren erfolgreicher Modelle.

Im Garten wird das Leben sichtbar: das Werden und Vergehen, die Veränderung, die man jeden Tag beobachten kann. Klienten, die über mehrere Monate kommen, erleben diese Transformation unmittelbar mit – und übertragen sie auf ihr eigenes Leben. Die Metapher wird zur erlebbaren Realität.

Der Schritt von nebenbei zu voll: Ein ziemlich großer

Martina beschreibt den Übergang von der Nebenselbstständigkeit zur Vollselbstständigkeit als “ziemlich großen” Schritt. Dieser Perspektivenwechsel verdient Aufmerksamkeit: Viele unterschätzen, was es bedeutet, wenn aus dem “Nebenbei” das “Hauptberuflich” wird.

Im nebenbei selbstständigen Status hat man ein Sicherheitsnetz – das regelmäßige Gehalt aus der Anstellung. Man kann ausprobieren, experimentieren, auch mal scheitern, ohne dass gleich die Existenz auf dem Spiel steht. Sobald man aber voll selbstständig ist, ändert sich die psychologische Situation fundamental.

Interessanterweise war es für Martina rückblickend betrachtet “eigentlich die richtige Entscheidung, zur richtigen Zeit” – auch wenn im Moment des Entscheidens noch Unsicherheiten da waren. Manchmal braucht es diesen Sprung, auch wenn man noch nicht alle Antworten hat.

Die inneren Hürden: Wenn ein Vater Buchhalter ist

Eine Episode aus Martinas Erzählung verdient besondere Beachtung: Ihr Vater war Buchhalter, und sie fühlte sich lange blockiert, was das Thema Finanzen und Businessplan anging. Die Angst, es “nicht gut genug” zu machen, hemmte sie.

Hier zeigt sich ein Muster, das vielen Gründern bekannt vorkommen dürfte: Wir tragen Prägungen und Erwartungen mit uns, die uns lähmen können. Die Lösung lag für Martina im Coaching – im Gespräch darüber, woher diese Blockade kam und was sie bedeutete.

Die Erkenntnis: “Es war eigentlich eh kein Problem, es war nur in meinem Kopf ein Thema.” Wie viele vermeintliche Hindernisse auf dem Weg in die Selbstständigkeit existieren vor allem in unseren eigenen Gedanken?

Perfektionismus und die Angst vor dem Sichtbarwerden

Ein weiteres zentrales Thema im Gespräch war Martinas Perfektionismus – besonders im Zusammenhang mit dem Sichtbarwerden im Außen. Sie beschreibt, wie sie sich immer wieder “nicht gut genug” fühlte, während im Inneren ein Druck aufbaute: “Es muss jetzt raus, es will raus.”

Dieser Konflikt zwischen dem inneren Drang und der äußeren Zurückhaltung ist typisch für viele Solopreneure, besonders für solche mit persönlichkeitsorientierten Dienstleistungen. Die Lösung? Martina fand sie in der Erkenntnis, dass Perfektionismus sie blockierte – und dass es wichtiger war, authentisch zu sein als perfekt.

Die Selbstständigkeit als Marathon

Martina verwendet ein eindrucksvolles Bild: “Es ist nicht ein Sprint, es ist ein Marathon. Und es ist vielleicht nicht nur einer, sondern es sind mehrere, immer wieder.”

Für diesen Marathon braucht es Ressourcen – und zwar auf verschiedenen Ebenen:

  • Äußere Ressourcen: Eine gewisse finanzielle Absicherung, die es erlaubt, nicht unter permanentem Existenzdruck zu stehen.
  • Fachliche Ressourcen: Man kann nicht starten, wenn man mit der eigenen Thematik fundamental unsicher ist. Die Expertise muss vorhanden sein.
  • Innerpsychische Ressourcen: Frustrationstoleranz, die Fähigkeit, mit Rückschlägen umzugehen, Durchhaltevermögen.
  • Soziale Ressourcen: Ein Umfeld, das einen unterstützt, versteht, an einen glaubt.

Besonders den letzten Punkt hebt Martina hervor und verweist auf die Harvard-Studie, die seit über 80 Jahren läuft und als wichtigsten Faktor für ein glückliches Leben das soziale Umfeld identifiziert hat. Dieser Faktor, so Martinas Überzeugung, lässt sich auch auf die Gründung übertragen.

Die Einsamkeit des Gründers

“Man fühlt sich in der Gründung teilweise wirklich ein bisschen einsam”, sagt Martina. Und das hat einen einfachen Grund: Das Umfeld versteht oft nicht, was man durchmacht. Die naive Vorstellung ist: “Du füllst ein paar Formulare aus, ein paar Zetteln, platzierst ein paar Flyer irgendwo in der nächsten Apotheke oder beim Hausarzt, und geht schon.”

Die Realität? Gründung ist ein Selbsterfahrungsprozess. Man ist mit äußeren Herausforderungen konfrontiert (Finanzamt, Ämter, Steuererklärung), aber auch mit inneren. Themen kommen hoch, die man bis dahin “ganz gut irgendwo unten reinkehren” konnte. Es kommt sehr, sehr viel raus.

Die Lösung, die Martina gefunden hat: Sich ein Umfeld suchen, das es versteht. Gleichgesinnte. Netzwerke. Sie spricht vom Business Labor als “liebevoller Selbsthilfegruppe” – und diese Beschreibung trifft den Kern dessen, was Gründer brauchen.

Gründung als Lebensaufgabe

Ein schöner Gedanke zum Abschluss des Gesprächs: “Gründung ist nicht ein formaler Akt, sondern Gründung ist eigentlich eine Lebensaufgabe. Man gründet immer wieder Neues.”

So wie im Garten immer etwas Neues entsteht, so entwickelt sich auch die Selbstständigkeit kontinuierlich weiter. Sobald man im Ziel ist, fängt eigentlich schon der nächste Marathon an. Das ist nicht entmutigend gemeint – im Gegenteil: Es ist die Einladung, den Prozess als solchen wertzuschätzen, nicht nur das Ergebnis.

Der wichtigste Tipp: Authentizität

Auf die Frage nach dem einen Tipp für jemanden, der morgen den Gewerbeschein anmeldet, hat Martina eine klare Antwort: Authentizität.

“Mach es, wie du bist, wie du es empfindst, wie du glaubst, mit deiner Persönlichkeit, mit deinem Zugang zur Welt, mit deinen Inhalten, mit deinen Farben.”

Wenn man drei Menschen die gleichen Farben und eine Leinwand in derselben Größe gibt, entstehen drei völlig unterschiedliche Bilder. Genauso in der Gründung. Den Zugang zum Eigenen, zum Inneren zu finden, ist schwer genug – aber es ist nicht nur ein Gewinn für das Unternehmen, sondern ein großer persönlicher Gewinn.

Martina sieht in unserer Welt trotz aller propagierten Individualität eine gewisse Gleichförmigkeit – und das tut ihr weh. Menschen sind wie unterschiedliche Blumenpflanzen im Garten, die unterschiedlich groß wachsen und Unterschiedliches ergeben. Diese Vielfalt als Gewinn zu sehen, als etwas echt Tolles – das ist vielleicht die Essenz dessen, was authentisches Unternehmertum bedeutet.

Ein Wort zum Schluss

Das Gespräch mit Martina zeigt: Selbstständigkeit ist mehr als eine Erwerbsform. Es ist ein Reifungsprozess, ein Garten, den man anlegt und pflegt, in dem manche Pflanzen gedeihen und andere nicht, in dem Werden und Vergehen nebeneinander existieren.

Die Metapher des Gartens ist nicht nur poetisch – sie ist praktisch. Sie lehrt uns Geduld (Pflanzen wachsen nicht schneller, nur weil man daran zieht), Akzeptanz (nicht alles lässt sich kontrollieren), Anpassungsfähigkeit (jede Saison ist anders) und die Wertschätzung für natürliche Prozesse.

Wenn du gerade am Anfang deiner Selbstständigkeit stehst oder überlegst, diesen Schritt zu wagen: Denk daran, dass auch dein Garten Zeit braucht. Dass manche Samen früh gelegt werden und erst Jahre später aufgehen. Dass Authentizität wichtiger ist als Perfektion. Und dass ein unterstützendes soziales Umfeld – sei es Familie, Freunde oder eine “liebevolle Selbsthilfegruppe” wie das Business Labor – einen enormen Unterschied macht.

Übrigens: In einem kostenlosen Gründungs-Checkup schauen wir gemeinsam auf deinen individuellen Garten – welche Samen du bereits gelegt hast, welche Pflanzen gerade wachsen und was sie brauchen, um zu gedeihen. Manchmal hilft es, den eigenen Garten mit jemandem zu betrachten, der schon viele verschiedene Gärten gesehen hat.


Die Links

Martina Pichlers Website: psychologieimgarten.at

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